Wahn und Wirklichkeit

Vor etwa einer Woche wurde von zwei Münchner Zeitungen brav wiedergegeben, dass SIGNA plane, den Karstadt am Münchner Hauptbahnhof teils zu renovieren, teils abzureißen und neu zu bauen. So als stünde das bereits fest, dass es ein Gewinn für die Stadt sei und nun die Bürgerinnen mitreden dürften (Gelächter…). Dass Redakteurinnen immer wieder blank zu Pressekonferenzen gehen und den ihnen vorgesülzten Quatsch zu Bauprojekten eins zu eins weitertragen, scheint momentan leider üblich.

Der Oligarch René Benko hat seine Interessen und die bestehen darin, reich und wichtig zu werden. Aber lassen wir das. Es ist hier nur soweit von Bedeutung, als Profit zu machen und Städte zu erobern voraussetzt, riesige Mengen an Material und Arbeitskraft zu verheizen. Internetkonzerne, Versandhandel oder die Bitcoinspekulation funktionieren nicht anders. In diesem Fall soll ein Gebäudekomplex, größer als der benachbarte Justizpalast, abgerissen und neu gebaut werden.

Tatsächlich ist dies nicht mehr möglich und wenn – dann als Verbrechen an der Zukunft

Diese Erkenntnis wird sich langsam aber sicher durchsetzen. Erst nur in Beschlüssen ohne akute Wirkung, bei gleichzeitigem Zuwiderhandeln und Schönrechnen der Zahlen. Doch die Gefahr der Klimakatastrophe wird das Bauen einholen und Bauwirtschaft und Immobilienhaie in die Verantwortung zwingen. Aber die Uhr läuft… Denn Tatsache ist, dass das Bauen selbst einen großen Anteil an der Klimakatastrophe hat:

„Viel zu lange wurde die zentrale Rolle des Bauens für die immer weiter steigenden Treibhausgasemissionen nicht deutlich und öffentlich genug diskutiert. Dabei ist allein der Gebäudebetrieb für 36 % CO2-Emissionen in Deutschland und Europa verantwortlich. Deshalb muss der gesamte Planungs- und Bauprozess rasch neu gedacht werden, um den Leben bedrohenden Klimaschaden durch die Branche zu verkleinern.“ (Bund Deutscher Baumeister, Architekten und Ingenieure e.V.)

Der Zwang hier umzusteuern, die Paradigmas zu wechseln, wird sogar von Politikern langsam erkannt:

Die Stadt München hat sich das Ziel gesetzt, als gesamte Stadt 2035 klimaneutral zu werden. Sie will eine Vorbildfunktion ausüben. Das Referat für Klima- und Umweltschutz (Referentin Christine Kugler) hat die Aufgabe, den Punkt 10. des Beschlusses von 2019 in die Praxis bringen, worauf seit anderthalb Jahren gewartet wird:

Das wird nur gegen den Widerstand des Referats für Stadtplanung und Bauordnung (Referentin Elisabeth Merk) geschehen können, wo die Maxime „Bauen, bauen, bauen“ herrscht. Der Deutsche Städtetag hat aber bereits eine Orientierungshilfe für die Prüfung klimarelevanter Beschlussvorlagen (etwa Bebauungspläne…) ausgearbeitet. Tiefrote Aussichten:

Ministerpräsident Söder will nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts (Klimaschutzgesetz in Teilen verfassungswidrig) Klimaneutralität in Bayern schon 2040. Umweltminister Glauber: „Jede Tonne CO2 zählt.“

Es gibt ein begrenztes CO2 Kontingent – wofür wird es eingesetzt und wofür nicht mehr? Die notwendige Reduktion fängt mit Heizungssanierung und weniger Benzinautos erst an. Für das Bauen bedeutet es einen radikalen Wandel, denn die riesigen Mengen an CO2 sind nicht durch Kompensationen an anderer Stelle auszugleichen. Brücken sanieren oder Spekulantenträume hochziehen?

Der Bund Deutscher Architekten postuliert in seinem Manifest „Das Haus der Erde“ (Mai 2019):

Prolog Der Traum vom ewigen Wachstum ist geplatzt. Reduktion ist keine modische Attitüde, sondern Überlebensnotwendigkeit. Ökologisches Umsteuern braucht Ideen und Kreativität. Was wollen wir hinterlassen? Wir haben nur diese eine Welt. Für ihren Erhalt tun auch wir als Architektinnen und Architekten, als Stadtplanerinnen und Stadtplaner zu wenig.

I Politisch denken und sich einmischen Es ist genug. Täglich verstoßen wir, verstoßen Gesellschaft und Politik gegen den Erhalt unserer Lebensgrundlagen. Mit der westlichen Lebenseinstellung, alles jederzeit machen und haben zu können, ist es vorbei. Unser Leben muss sich an einem neuen, ökologisch vertretbaren Maß ausrichten. Wir dürfen nicht länger warten, bis sich das von Lobbyisten beeinflusste Zögern und Abwarten ändert. Wir müssen politisch denken und handeln, müssen uns einmischen, Eigeninitiative entwickeln und zivilen Ungehorsam proben. Wir müssen zeigen, dass der tägliche Umweltwahnsinn, wie beispielsweise der ungebremste Flächenfraß, der Vorrang von Neubauten oder der Fetisch Mobilität, nicht alternativlos ist. Ansonsten brauchen wir über eine Zukunft nicht mehr nachzudenken. Wir sind dran. (…)

III Achtung des Bestands Bauen muss vermehrt ohne Neubau auskommen. Priorität kommt dem Erhalt und dem materiellen wie konstruktiven Weiterbauen des Bestehenden zu und nicht dessen leichtfertigem Abriss. Die „graue Energie“, die vom Material über den Transport bis zur Konstruktion in Bestandsgebäuden steckt, wird ein wichtiger Maßstab zur energetischen Bewertung sowohl im Planungsprozess als auch in den gesetzlichen Regularien. Wir brauchen eine neue Kultur des Pflegens und Reparierens. (…)

V Bauen als materielle Ressource Alle zum Bauen benötigten Materialien müssen vollständig wiederverwendbar oder kompostierbar sein. Nur so kann die gigantische Menge an Verpackungen, Umverpackungen und Materialien im Bauprozess und für das Gebäude selbst reduziert werden. Es gehört zum architektonischen Entwurf, Rezyklate im Neu- und Umbau mit einem gestalterischen Anspruch einzusetzen und zu erreichen, dass ganze Bauteile später selbst wieder zur Ressource werden. Verbunden ist damit ein ökologischer Anspruch an die Materialien und deren Verwendung.

VI Vollständige Entkarbonisierung Eine Entkarbonisierung erfordert einen Paradigmenwechsel im Material- und Energieeinsatz. Der Verzicht auf Materialien, die in ihrer Herstellung viel CO2 emittieren, tritt als wichtiges ökologisches Kriterium an die Stelle der Energieeffizienz. Statt energieintensiv erzeugter Materialien wie Beton und Stahl liegt der Schwerpunkt auf natürlichen Materialien wie Stein, Holz und Lehm. Ebenso verlangt eine Entkarbonisierung den Einsatz emissionsfreier Baumaschinen im Bauprozess und eine CO2-neutrale Energieversorgung der Gebäude. (…)

2021 erweitert der BDA seine Forderungen „Das Haus der Erde – Politisch handeln“

4 Achtung des Bestands: Gebäude nachhaltig sanieren Bauen muss vermehrt ohne Neubau auskommen. Warum? Gebäude zu sanieren und zu qualifizieren statt sie abzureißen, ermöglicht, dass eingesetzte Rohstoffe und Materialien weiter genutzt werden und dass bezahlbarer Wohn- und Arbeitsraum erhalten bleibt. Politische Aufforderungen: — bei Veränderung und Umnutzung von Bestandsgebäuden ist von der Aufsichtsbehörde zu begründen, wenn die Erfüllung der aktuellen Bauordnungsvorschriften gefordert wird; anderenfalls soll Bestandsschutz gelten — die „graue Energie“ von Bestandsgebäuden ist konsequent in die energetische Bewertung in Form eines Bonussystems einzubeziehen — der Erhalt der „grauen Energie“ in Bestandsgebäuden ist staatlich bevorzugt zu fördern — für den Abbruch von Gebäuden ist eine Nachweispflicht einzuführen, die darlegt, dass eine Weiternutzung, auch von Teilstrukturen, technisch nicht darstellbar ist; anderenfalls sind die Abbruchkosten von Gebäuden nicht mehr als Werbungskosten und Betriebsausgaben steuermindernd anrechenbar (…)

Mit diesem konsequenten Denken ist Hoffnung möglich. Auch wenn Stadträte, Referentinnen, Baumogule, Stararchitekten noch immer weiter klotzen und prassen wollen wie gewohnt und die CO2-Schleudern befeuern: Sie sind Dinosaurier und ihre Werbefakes wie Dachgärten auf Neubauten ziehen nicht mehr wirklich. Um die Klimakatastrophe abzuwenden, müssen wir sofort handeln, aus dem Bestand das Beste machen, Ressourcen in der Erde lassen, eine korrekte CO2-Rechnung aufmachen, viele ihren Lebensstil ändern… Pyramiden-Pläne wie Elbtower, die Büroneubauten, Hotelneubauten oder die Büschl-Türme müssen endgültig begraben werden.

Was heißt „klimaneutral“? Da wird oft geschummelt, wir halten diesen Link für lesenswert: Klimareporter

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