Was in Giesing der Bagger, ist SIGNA eine Wirtschaftskanzlei

„Ihr Mehrwert: Wir prozessieren nicht aus Lust am Streit. Doch wenn wir uns im Interesse unserer Mandanten – ob Großkonzern, mittelständisches Unternehmen oder Privatperson – streiten, tun wir es mit jener Härte, Leidenschaft und Nachhaltigkeit, für die Noerr seit Jahrzehnten bekannt ist. Wir streiten nicht „ums Prinzip“, sondern mit dem Erfolg als Ziel und mit Blick für das (gerade noch) Machbare. Also mit „Augenmaß“ und unter Berücksichtigung der für unsere Mandanten wichtigen Randbedingungen.“
(Selbstdarstellung der Rechtsabteilung der Wirtschaftskanzlei Noerr)

Um die Anwendung des Urheberrechts auf die baukünstlerische Leistung Josef Wiedemanns aus dem Weg zu räumen, hat SIGNA die Wirtschaftskanzlei Noerr aufgeboten. Was bisher dazu bekannt ist, steht in der SZ vom Wochenende. Frau Brigitta Michail braucht jetzt jede fachliche Unterstützung, die Unterstützung des Stadtrates und der Münchner Bevölkerung!


Zwei Leserbriefe an die SZ: Alte Akademie München als Prüfstein für die Politik – Flanierraum, geopfert auf dem Altar des Kommerzes

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Stadlhuber – Wien – München: „Wir sind Wiederholungstäter“

Das erste Großprojekt für SIGNA, das Christoph Stadlhuber (CEO der SIGNA Prime Selection AG) schulterte, war das „Goldene Quartier“ im Zentrum Wiens, günstig gekauft von der BAWAG zur Zeit der Bankenkrise. Zur österreichischen Bundesdenkmalamts-Präsidentin Barbara Neubauer wurde im Zuge des Projekts ein ganz nahes Verhältnis aufgebaut, wie es in diesem Interview mit selbstgestellten Fragen freudigen Ausdruck findet. Es wurde auf die Münchner SIGNA-Webseite gestellt, so als Vorbild für die Aktivitäten hier.

SIGNA: Der 1. Bezirk ist dank des GQ wahnsinnig belebt worden. War diese Investition folglich richtig?
Neubauer: Auf jeden Fall. Wien hat großes Potenzial, das dadurch weiterentwickelt werden konnte. Es ist immer schwierig, mehrere Objekte in mehreren Infrastrukturen unterbringen zu müssen, aber mit dem GQ konnte man im Großen denken, und einige Sünden aus der Vergangenheit wurden damit wieder in Ordnung gebracht (lacht).
SIGNA: Gibt es im Innenstadtbereich nun noch weitere Projekte, auf die man sich freuen darf?
Stadlhuber: Die SIGNA würde sicher wieder in solch ein Objekt investieren, denn wir sind Wiederholungstäter (lacht). Klar ist: Wir haben unseren Fokus auf Innenstadtlagen und somit auch auf historischen Objekten. Darin sind wir Experten, da machen wir weiter.  (SIGNA München)

Modell der Front zum Georg Coch-Platz im Museum Postsparkasse

Im Dezember 2013 (übrigens gleichzeitig wie die Alte Akademie) kaufte SIGNA von der BAWAG noch deren Hauptsitz, das weltbekannte, „legendäre“ Postsparkassengebäude von Otto Wagner (1905). Versprochen wurde eine langfristige Mietbindung und die Weiterführung als Bankzentrale unter Verantwortung der BAWAG für das Gebäude – außer dem Eigentümerwechsel sollte alles beim Alten bleiben. Doch nach kurzer Schamfrist, im Dezember 2016 – drei Jahre später, wird der Auszug der BAWAG bekannt gegeben. Und der Umzug in „The Icon Vienna“, das gerade am Hauptbahnhof gebaut wird und im Juli 2017 mit diesem festen Hauptmieter an die Allianz zu einem Super-Preis verkauft wurde. Perfekter Zeitplan, alles gut gemacht, die Kasse stimmt, Benko ist der Größte, die Fachwelt applaudiert.

Presse-falsch-Information

Allerdings hat die BAWAG (Cerberus-Konzern) das Versprechen gebrochen und SIGNA hat das Versprechen gebrochen. Erst 2005 war das Gebäude zum 100jährigen Jubiläum unter großem Aufwand bis ins Detail „in Originalzustand“ versetzt worden; die besonders herausragenden Kassensäle wurden zum Museum. 2000 Angestellte arbeiten hier. Was in aller Welt passt nicht?

Die Schließung des Museums wurde bereits angekündigt

Die Postsparkasse hat das Potential zu profitabler Verwertung! Meint zumindest SIGNA. Ende Juni diesen Jahres lässt Hr. Stadlhuber die Katze aus dem Sack:

„Zum Beispiel wurden frühere Bankgebäude auch zu Repräsentationszwecken gebaut. Der repräsentative Charakter der alten Kassensäle lässt sich heute perfekt für ein Hotel umnutzen – wie beispielsweise beim Park Hyatt Vienna eindrucksvoll geschehen. Der große Kassensaal der ehemaligen Länderbankzentrale am Hof 2 ist nun ein luxuriös ausgestattetes Foyer und beherbergt ein beliebtes Restaurant mit einer gutbesuchten Bar – ein sehr gelungenes Beispiel für eine neue Nutzung. Ein weiteres, architektonisch wertvolles Bankgebäude ist die von Otto Wagner geplante Wiener Postsparkasse, für das gerade ein neues Nutzungskonzept entwickelt wird. Auch dort dominiert ein großer Kassensaal den Eingangsbereich.“ (Stadlhuber)

Das Postsparkassengebäude ist ein Meilenstein der Architekturgeschichte in einer der stärksten Phasen, im Übergang zur Moderne. Ein hoch zu schätzendes Erbe, keine Baustelle für Verbesserungsversuche oder zwanghaftes Hinterlassen neuer Zeitschichten; es ist für weitere Jahrzehnte renoviert worden, es gehört zur Stadt so wie es ist. Dieses Gebäude spricht für sich selbst, bitte schauen Sie es sich an, wenn Sie Gelegenheit haben, oder diesen Filmbeitrag oder informieren Sie sich über Bücher und Internet. Der Umbau in ein Hotel, eine Anpassung an die Erwartungen von luxusverwöhnten Gästen wäre reiner Vandalismus (Herr Stadlhuber wird das noch ein „Öffnen“ nennen). Und was tut der Investor, wenn das Volk verzögerte oder wenn es die Entwickler gar stoppen wollte?

„Ein Problem bei der Wiederbelebung historisch wertvoller Gebäude sind auch die Debatten um den Denkmalschutz – was darf verändert werden und was muss erhalten bleiben? Hier können Uneinigkeiten in Bezug auf Detailfragen den gesamten Prozess um Jahre verzögern. Das schreckt viele Entwickler ab, das Risiko sich in die Länge ziehender öffentlicher Debatten und damit ein hohes Kostenrisiko ist zu groß. Aus diesem Grund müssen BürgerInnen aktiv in den Entwicklungsprozess eingebunden werden, um bei Vorhaben städtebaulicher Tragweite von Beginn an breite Akzeptanz zu erreichen.“ (ebenda)

Der Passus ist wohl Stadlhubers Münchner Problemerfahrung geschuldet (uns freuts), öffentlichkeitskosmetisch umgedreht. SIGNA wird den Teufel tun und „BürgerInnen aktiv einbinden“, wenn aufmüpfiges Volk beim Superreichwerden stört. Der Versuch einer stadlhuberischen Problemlösung ist in München zu beobachten: als Fake – passiv ist das SIGNA-aktiv: nicht Bürger-Beteiligung sondern Bürger-Manipulation mithilfe von Eventagenturen. Das Stichwort des Protests in München sind die Arkaden – Stadlhubers Strategie ist, von den Übergriffen zu schweigen und Unbedarften einen Gewinn vorzumachen, in diesem Fall die großspurige „Öffnung“ des Schmuckhofs (SIGNA-facebook).  Aus Partypeople, Freibiergenießern und Adabeis macht man sich ein angenehmes Volk, das sich amüsiert und Dankbarkeit zurück schenkt. Das läuft in München unter dem Aktions-Motto: „Früher war alles besser?“ – Wien, was blüht Dir?


„Weg mit dem Familiensilber?“Wiener Zeitung
„Verkauf an Benko erregt viele Wiener!“heute
„Wo Entwickler Entwickeltes entwickeln“Die Presse
„Ausgeschlossene Gesellschaft“Die Presse

Eine Zukunft mit Kultur und Kooperativen – da muss SIGNA passen

Die AZ fragt in der Wochenendausgabe 15./16. Juli einige Persönlichkeiten, wie sie denn München im Jahr 2050 sähen. Stadtbaurätin Elisabeth Merk träumt in ihrer Antwort zuerst noch von dem „in der Sonne glitzernden neuen Hauptbahnhof mit Landmark“ – oje, der möge München bitte erspart bleiben. Doch dann reiben wir uns die Augen, positive Visionen aus der Sicht einer Metropolenphantastin:

„Der öffentliche Raum hat in München in den vergangenen 30 Jahren deutlich an Befürwortern gewonnen. Viele Plätze, die in der Vergangenheit als Parkplätze genutzt wurden, konnten für kulturelle Einrichtungen und neue genossenschaftliche Projekte zur Verfügung gestellt werden. So zum Beispiel der Sattlerplatz und die Alte Akademie, die nach Jahren des Investorenkampfes nun von Kooperativen geführt werden als offene kulturelle Begegnungszentren und als attraktive Coworkingspaces.“ (Abendzeitung)

All das ist gut und vernünftig! Ja!

Mit der Umsetzung von Visionen muss man bekanntlich sofort beginnen, nicht die Nachfolger und nicht erst ab 2045. In dieser Amtsperiode, im Jahr 2017 steht für die Alte Akademie die Entscheidung an. Noch hat sie die bestens geeigneten Räumlichkeiten, die auf Kultur, Begegnungszentren und „Coworking“ warten. Würde die Stadt München dagegen, so wie sie es bis vor kurzem folgsam vorbereitet hatte, dem derzeitigen Besitzer tatsächlich eine Baugenehmigung erteilen, wäre diese schöne Vision verpfuscht und aus der Alten Akademie wird dann ein vollkommen umgebauter und ziemlich unbrauchbarer Kommerztempel.

Die „Jahre des Investorenkampfes“ beenden

Wir kennen SIGNA als autoritär geführtes, intransparentes Immobilien/Handels-„Imperium“ zur ungehemmten Kapitalakkumulation – mit diesem Investor wäre des Mehr-Haben-Wollens und des Kampfes nie ein Ende. Genossenschaften und Kooperativen dagegen sind gemeinnützig, demokratisch aufgebaut und dienen den Bedürfnissen ihrer Mitglieder ohne Gewinnabsicht. Das bedeutet eine Kehrtwende: entweder wird SIGNA eine Genossenschaft oder SIGNA sollte sich zurückziehen um Kultur und Kooperativen Platz zu machen! So verstehen wir jetzt Frau Merk und, es haben alle das Recht, ihre Meinung und Praxis zu ändern und dafür die Wertschätzung der Stadtbevölkerung zu bekommen.

… und dann beginnt die Vision auszustrahlen und die Barrieren der Plackerei im Dienst der Wenigen zu überschreiten. Die Entscheidungen werden von den Geldmachern mehr und mehr direkt zu den Menschen an der Basis verlagert. Wirtschaftliche Freiheit in kooperativer Arbeit kann beginnen und neue Strukturen schaffen. Überall entstehen neue Genossenschaften; der Gedanke der gemeinschaftlichen Arbeit zum gemeinschaftlichen Nutzen ergreift die Münchner: Genossenschaften im Wohnungsbau, in den Gewerben, im Handel usw. Schließlich werden auch die Aktiengesellschaften in Genossenschaften für das Gemeinwohl umgestaltet. Die Arbeiter und Ingenieure bei BMW arbeiten nicht mehr für den Profit von Familienclans und entwickeln in einer Explosion von umweltbewusstem Erfindergeist die Lösungen für zukunftsfähige Mobilität; Bewohner und genossenschaftliche Baubetriebe zusammen heilen die Wunden des Immobilienbooms und schaffen grüne lebenswerte Wohnviertel …

Sie sagen nicht „wir wollen ein gutes altes Gebäude ausschlachten“, sondern fragen:

Dem Vorhaben ist ja erstmal Halt geboten. Wieweit das Urheberrecht heilsamen Einfluss auf die nächste Zukunft der Alten Akademie haben wird, ist – allerdings wachsam! – abzuwarten. So bleibt Gelegenheit, sich Gedanken über die Zeit zu machen. Hat doch der Herr Stadlhuber von SIGNA der Öffentlichkeit einfach mal ein abgedroschenes Schlagwort vor die Füße geschmissen. Er machte für SIGNA den Gründer der (Gegen-) Aktion „Früher war alles besser?“  Zitat: „Mit dem Slogan ‚Früher war alles besser?‘ will er Bedenken ausräumen, die Innenstadt könnte ihren Charakter beim Umbau der Alten Akademie verlieren.“

Womit der Beweis erbracht wurde: das Stellen dummer Fragen ist doch nicht unmöglich!

Die Frage kann man mit Nein beantworten wenn man will, was soll man schon drauf sagen, wenn kein Sinn da ist. Der von sich eingenommene Neuerer und getriebene Investor denkt sich hinzu: früher ist vorbei; was da ist, steht zu unserer Verfügung und wir sind sowieso die Besten. Aber so läuft es nicht.
Über die Zeit und ihre Zusammenhänge denken wir unabhängig davon öfters nach. Bauten und Städte sind in diesen Gedanken keine Immobilien, sondern Lebensumwelten und Manifestationen von Individuen und Gemeinschaften. Es gibt da nicht die Kategorien besser oder schlechter. Diese Begriffe taugen nicht; denken wir nur an Dichtung – Musik – oder eben Architektur. Wir staunen bei der Betrachtung jahrtausende- oder jahrhundertealter Bauwerke: religiöse Stätten, Siedlungen, selbst einfache Bauernhäuser lassen uns durch Ihre Gediegenheit, durch Proportion, Schmuck und Brauchbarkeit spüren, dass die Menschen vergangener Zeit uns oft etwas voraus gehabt haben müssen in der Meisterung der klassischen Ziele: Festigkeit, Nützlichkeit und Schönheit (Vitruv).
Was die Gegenwart leistet in punkto Größe, Wärmedämmung und sonstiger Optimierungen steht doch recht blass und aufgeblasen neben Stadthäusern, Scheunen oder den stattlichen Gebäuden der Gemeinschaft, die viele Lebensspannen gehalten haben und daneben auch noch schön sind. Neue Techniken und Materialien sind heute bestimmend und erlauben Gigantonomisches in jeder Richtung. Keine Schwarz-Weißmalerei: es gibt auch heute Gutes; dieses Wort hat sehr wohl Berechtigung. Als gut erscheint, was tätigen Geist ausstrahlt, was stimmigen Zusammenhang hat mit dem Leben der Menschen, was ihnen guten Dienst für guten Zweck leistet. Da gibt es Neues, aber was sollte St.Wolfgang in Obermenzing, Schloß Nymphenburg, das Alte Rathaus von München oder das Hofbräuhaus übertreffen können?
Z.B. das Hettlage-Haus von 1954: es ist etwas einfacher, nicht protzig und hat den gewissen Zauber eines Kaufhauses vor der Shopping-Ära, das durch reale Bedürfnisse und „normale“ Menschen geerdet war – der Aldi im Gewerbepark ist dagegen anspruchslose Güterabholhalle, im Luxusstore hat der Spaß ein Ende und das riesige Einkaufszentrum XY kann man sich schon als die greisliche Ruine vorstellen, die es in 25 Jahren sein wird. Es kommt immer auf vieles an, ob etwas „stimmt“ – aber nicht auf früher oder später, schon gar nicht auf das rücksichtslose Jetzt sind wir dran! von Gegenwartsprofiteuren.
Die Vergangenheit ist in uns, wir sind selbst zum größten Teil immer Vergangenheit und nur mit Glück und Umsicht auch gelingende Zukunft. Wir tun gut daran, uns die Erbauer bestehender Häuser als Zeitgenossen zu denken. Was machen schon ein paar Jahre aus? Nicht wir auf einer höheren Stufe und sie auf einer niedrigeren auf der Zeitachse. Wir tun gut zu fragen: was würden sie uns raten; wie sind sie auf ihre Lösungen gekommen? Wird, wenn wir sie abwerten und „verbessern“, die nächste Generation das auch so sehen? Wird sie stattdessen „zurück“greifen wollen und davon abgeschnitten sein, weil in irgendeinem vergangenen Heute die Vergangenheit weggeräumt worden ist?

Und die Alte Akademie? So wie sie jetzt dasteht ist sie ein Werk der 50er Jahre. Die Bewohner dieser Stadt hatten eine furchtbare Zeit überlebt, an der sie zum Teil mitschuldig waren. Es war eine schlechte Zeit noch immer und sie entschieden sich dafür, an dieser Stelle das Band zur Zeit vor der Katastrophe nicht durchzuschneiden. Weil sie fanden, dass der zerbombte Bau ein Teil von ihnen war, den sie nicht missen wollten. Diese so wertvolle Ecke des Stadtbildes wurde unter damals hohen Kosten wiederhergestellt. Josef Wiedemann fand die – oder sagen wir – eine Form, die eine angepasste Weiternutzung ermöglichte; in einer gelungenen Verbindung von Renaissance und der Bauart dieser Zeitphase. Wenn man darauf aufpasst, hält das noch hundert Jahre: solide, nicht aufdringlich, keineswegs störend, gewohnt, vielseitig nutzbar. Die die dort arbeiteten, fühlten sich wohl – die Stadt kann rundherum stolz darauf sein.
Nun ist die Zeit, in der der Kommerz mit seinen Nebeneffekten nicht mehr weit vom Kollaps entfernt ist. Er hat sich Stadt und Land angepasst bis auf kleine Reste: die letzte Vollstreckung der Alles-ist-Kommerz-Welt spielt sich auf als eroberischer Triumph über früher – besiegt und betrogen dabei ist in Wirklichkeit die Allgemeinheit: ist es doch weitherum klar, dass eine Wende weg vom Kommerz zum Bewahren lebensnotwendig ist. Zurück auf das Wesentliche auf der einen Seite und auf der anderen soziale Gleichheit und Freiheit. Aufhören, auf Kosten anderer zu leben. Aber das anzugehen wird schwer gemacht durch die Profitmacher, ihre Seifenblasen und ewiggestrigen Beifallklatscher. Zuallererst ist es ein Kampf der Ideen. Eine der dümmsten wäre die, das Schlechtmachen von früher als fortschrittlich mißzuverstehen.

(Zur Seite stand für diesen Text die Schrift „Die Revolution“ von Gustav Landauer, geschrieben 1907. Ein grandioses Geschichtsbuch!)

Ein großes herzliches Dankeschön und viel Erfolg!

Nachtrag Oktober: Interview mit Brigitta Michail in Standpunkte 10/2017, Seite 21.

Juni: Der Brief von Brigitta Michail liegt jetzt öffentlich vor, abgedruckt auf Seite 7 der Standpunkte 6/2017 des Münchner Forums. Darin spricht Frau Michail neben den Arkaden auch das Hettlage-Kaufhaus mit der großen Rundtreppe an.


Nach gestriger Pressemeldung hat die Tochter des Architekten Josef Wiedemann Urheberrechte an der Gestaltung der Alten Akademie geltend gemacht. Damit ändert sich schlagartig die ganze Situation! Wenn das Recht helfen kann, ein erst vor gut 60 Jahre erneuertes Baukunstwerk vor der Verhunzung zu bewahren, dann soll es auch genützt werden – nachdem an erster Stelle der Staat, dann der staatliche Denkmalschutz, die Stadtplanungsbehörde und involvierte Stadträte diesen Schutz nicht gegeben haben. Nächste Woche wäre wahrscheinlich vom Planungsausschuss des Stadtrats eine Entscheidung pro Zerstörung gefällt worden – alles weitere in dieser Richtung ist abgesagt!

SIGNA brennt der Hut

Juristische Aspekte stünden nicht im Vordergrund, sagt Signa-Sprecher Robert Leingruber. Man wolle nun überzeugen, „wie behutsam und sensibel wir bei der Modernisierung der Alten Akademie mit dem Komplex umgehen“. (SZ) Schlechte Aussichten, wenn – ausgehend vom Bauwerk selbst, seiner Kunst und seiner städtebaulichen Qualität – neu diskutiert wird und die Möglichkeiten der Macht, des Geldes, der Verschleierung, der Beziehungsgeflechte dahinter zurücktreten. Die juristische Panzerwaffe, SIGNA-Baurechtsberater Alfred Sauter (Mitglied des Landtags und des CSU-Präsidiums) wird in die hinteren Linien zurückgezogen. Der ausgebuffteste, teuerste und bisher so hilfreiche Anwalt, immer wenn es um staatliche Immobilien geht, hat Pause. Die Freunde SIGNAs im Rathaus werden eine Umorientierungsphase brauchen, aber das wird sich geben.

Eine bessere Lösung in Aussicht

Es waren viele andere Vorschläge da, was man in der alten Akademie weiter machen kann. Haus des Wissens, Musikschule, Museum, Begegnungsort – für viele öffentliche Aktivitäten ist in dem Ensemble Platz, die seinen Charakter erhalten werden. Und dann ist behutsamer Umgang mit der Bausubstanz wirklich möglich statt dessen manipulativer Behauptung. Ein Kompromiss und halbe Sachen wären keine Lösung. Jetzt muss weitergedacht werden an die Rückabwicklung des Kaufvertrags und einen baldigen Neubeginn!

Wieviel Zerstörungswerk bekommt Benko von der Stadt erlaubt: fast alles oder alles?

Am 24. Mai wird der Ausschuss für Stadtplanung und Bauordnung über den Bauantrag beschließen (das nächste Stadtratsplenum im Juni muss dann bestätigen oder auch nicht). Der Entwurf des Beschlusses liegt uns vor. Darin ist alles enthalten, was wir bisher schon mehrmals dargestellt haben:
– Der Abriss des Hettlage-Kaufhauses. Das erscheint im Text als „Entkernung und Errichtung eines neuen Gebäudes mit mehreren Untergeschossen“. Die zu erhaltenden zwei Fassadenwände auf ihren Säulen müssen währenddessen am Stehen gehalten werden. Da werden vermutlich „statische Bedenken“ auftauchen …
– Entkernung aller anderen Gebäudeteile und Versetzung von ganzen Geschossebenen.
– Einbau von Loggien für die Wohnungen im Schmuckhof
– was bisher nicht gesagt worden war: „Der Dachstuhl des Gesamtkomplexes wird neu aufgebaut.“
– Erweiterung der Einzelhandelsnutzung von 5.000 auf 13.800 Quadratmeter Geschossfläche, durchwegs drei Etagen plus Untergeschoss, das dafür tiefer gegraben wird
– Teilunterkellerung des Schmuckhofes, neue Dachgauben und Dachflachfenster usw, usf.
– Dazu die weitere Abwicklung nach beschleunigtem Bebauungsplanverfahren gemäß § 13 a Abs. 1 Satz 1 Nr.1 BauGB. D.h. Einschränkung der Mitwirkungs- und Einspruchsmöglichkeit durch die Öffentlichkeit!

Großinvestoren könnten sich in Zukunft die Baugenehmigung gleich selber schreiben

Dieser Beschlussentwurf, vom Planungsreferat im Ausschuss vorgelegt, ist das im Einklang mit SIGNA weiterentwickelte Ergebnis des SIGNA-Architektenwettbewerbs. Es bedeutet die Zerstörung des Charakters der Alten Akademie und zugleich eines großen Teils der Gebäudemasse – nie wieder gut zu machen.
Die Abbildungen finden sich in der Anlage „Ergebnis der Überarbeitung“ (Morger Partner Architekten). Rot wurde von uns gekennzeichnet, was vom Bestand übrig bliebe.
Über diese ausgehandelte Zerstörung hinaus will SIGNA aber noch mehr: drei Eingriffe, die im Saldo kaum mehr viel Schlimmeres ausmachen, die aber anscheinend für die Profitbilanz so wichtig sind, dass SIGNA den letzten Kniefall der Stadt erzwingen will. „Erzwingen“ ist das falsche Wort, denn es gibt nicht den geringsten Anspruch auf
– Zubauen der Arkade an der Kapellenstraße
– Breite der Restarkade von 4,12m statt 5,40m (Wettbewerb) statt 7,70m heute
– drei Torbögen in der Fassade des Kopfbaus statt deren zwei (Wettbewerb)

Die Selbstaufgabe der Münchner Kommunalpolitik

Alfred Dürr berichtet nun in der Wochenend-SZ, dass die Fraktionen von CSU und SPD dahin tendieren, SIGNA diesen (vorerst) letzten Rest auch noch zu genehmigen. „Anders als bei sonstigen Großprojekten in der Altstadt dringen bei der Alten Akademie vor der Entscheidung kaum Äußerungen aus dem Stadtrat an die Öffentlichkeit. Auch Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) hält sich auffällig zurück. Die Diskussionen im Rathaus seien noch nicht abgeschlossen, heißt es aus seinem Umfeld. Es handele sich eben um einen schwierigen Abwägungsprozess, hört man aus der SPD- Fraktion.“ Mehr von dem was sie weiß, will die SZ nicht verraten und das ist auch nicht ungewöhnlich. Wir werden uns im nächsten Beitrag mit dem undemokratischen Filz im Rathaus beschäftigen.


Der Architektenwettbewerb unter Leitung von Sir Chipperfield.
Über diesen Wettbewerb vor einem Jahr hat sich mittlerweile Haarsträubendes herauskristallisiert. Wie Frau Merk selbst öffentlich sagte, „haben sich überhaupt nur zwei der elf Entwürfe dem Denkmalschutz vernünftig genähert“. Wo blieb da die Auswahlmöglichkeit? Und unter Beisein von sieben Stadträten wurde ein Entwurf ausgewählt, der sich nicht an die Vorgabe des Stadtrates hält (durch Schließung der Arkade im Kopfbau). Im Entwurfspapier zieht man es bei der Schilderung des Wettbewerbs vor, davon zu schweigen.

Ein echtes Problem – auf beschämende Weise aus dem Weg getextet. 
Die Partei Die Linke im Stadtrat hat den Antrag gestellt, die Arkaden komplett zu erhalten – wie es bis vor zwei Jahren nie anders gedacht war und wie es in Bezug auf den Kopfbau Stadtratsbeschluss von Nov. 2015 ist. Die unglaubliche Abschmetterung im Entwurfspapier:
„Die von den Zielvorstellungen abweichend vorgeschlagene Ausgestaltung der Arkaden im Kopfbau der Alten Akademie lässt eine Zugänglichkeit für die Öffentlichkeit, wenn auch auf andere Art und Weise, weiterhin zu.“
Eine „Zugangsmöglichkeit“ zu einem Computer- oder Schuhladen heutiger Machart soll gleichwertige Alternative zur städtebaulich herausragenden Gestaltung der offenen Arkadenhalle durch Josef Wiedemann sein – tiefer könnte die Münchner Stadtplanungsbehörde kaum sinken! Aber sonst ginge es nicht.

Der letzte Strohhalm der PR: Die „Öffnung“ des Schmuckhofs als „Benefit für die Stadt“.
Ein einigermaßen großer Hof, viele Stunden des Tages im Schatten, ein charmantes architektonisches Unikum mit seiner dreiseitigen konsequenten Reihung von Bürofenstern und dem typischen Münchner Putzdekor – dann: Kommerz rundum, das Luxus-Kaufhaus im Rücken, oben Schicki-Wohnungen, unten Läden und Gastronomie, eine neue Kolonnadenkonstruktion und das generelle Abkassieren = attraktive Ruhezone! Von Poesie und Schönheit in der Stadt her gesehen: dieser Schmuckhof ist von der scheuen und zurückhaltenden Art. Ein „Öffnen“ durch SIGNA heißt nichts anderes als: Eroberung und „urbane“ Kolonialisierung. Diese dreiste Manipulation entspricht einem Projekt, in dem sich nichts Positives findet, was sich vernünftig zur Gewinnung der Öffentlichen Meinung verwenden liesse.