Sie sagen nicht „wir wollen ein gutes altes Gebäude ausschlachten“, sondern fragen:

Dem Vorhaben ist ja erstmal Halt geboten. Wieweit das Urheberrecht heilsamen Einfluss auf die nächste Zukunft der Alten Akademie haben wird, ist – allerdings wachsam! – abzuwarten. So bleibt Gelegenheit, sich Gedanken über die Zeit zu machen. Hat doch der Herr Stadlhuber von SIGNA der Öffentlichkeit einfach mal ein abgedroschenes Schlagwort vor die Füße geschmissen. Er machte für SIGNA den Gründer der (Gegen-) Aktion „Früher war alles besser?“  Zitat: „Mit dem Slogan ‚Früher war alles besser?‘ will er Bedenken ausräumen, die Innenstadt könnte ihren Charakter beim Umbau der Alten Akademie verlieren.“

Womit der Beweis erbracht wurde: das Stellen dummer Fragen ist doch nicht unmöglich!

Die Frage kann man mit Nein beantworten wenn man will, was soll man schon drauf sagen, wenn kein Sinn da ist. Der von sich eingenommene Neuerer und getriebene Investor denkt sich hinzu: früher ist vorbei; was da ist, steht zu unserer Verfügung und wir sind sowieso die Besten. Aber so läuft es nicht.
Über die Zeit und ihre Zusammenhänge denken wir unabhängig davon öfters nach. Bauten und Städte sind in diesen Gedanken keine Immobilien, sondern Lebensumwelten und Manifestationen von Individuen und Gemeinschaften. Es gibt da nicht die Kategorien besser oder schlechter. Diese Begriffe taugen nicht; denken wir nur an Dichtung – Musik – oder eben Architektur. Wir staunen bei der Betrachtung jahrtausende- oder jahrhundertealter Bauwerke: religiöse Stätten, Siedlungen, selbst einfache Bauernhäuser lassen uns durch Ihre Gediegenheit, durch Proportion, Schmuck und Brauchbarkeit spüren, dass die Menschen vergangener Zeit uns oft etwas voraus gehabt haben müssen in der Meisterung der klassischen Ziele: Festigkeit, Nützlichkeit und Schönheit (Vitruv).
Was die Gegenwart leistet in punkto Größe, Wärmedämmung und sonstiger Optimierungen steht doch recht blass und aufgeblasen neben Stadthäusern, Scheunen oder den stattlichen Gebäuden der Gemeinschaft, die viele Lebensspannen gehalten haben und daneben auch noch schön sind. Neue Techniken und Materialien sind heute bestimmend und erlauben Gigantonomisches in jeder Richtung. Keine Schwarz-Weißmalerei: es gibt auch heute Gutes; dieses Wort hat sehr wohl Berechtigung. Als gut erscheint, was tätigen Geist ausstrahlt, was stimmigen Zusammenhang hat mit dem Leben der Menschen, was ihnen guten Dienst für guten Zweck leistet. Da gibt es Neues, aber was sollte St.Wolfgang in Obermenzing, Schloß Nymphenburg, das Alte Rathaus von München oder das Hofbräuhaus übertreffen können?
Z.B. das Hettlage-Haus von 1954: es ist etwas einfacher, nicht protzig und hat den gewissen Zauber eines Kaufhauses vor der Shopping-Ära, das durch reale Bedürfnisse und „normale“ Menschen geerdet war – der Aldi im Gewerbepark ist dagegen anspruchslose Güterabholhalle, im Luxusstore hat der Spaß ein Ende und das riesige Einkaufszentrum XY kann man sich schon als die greisliche Ruine vorstellen, die es in 25 Jahren sein wird. Es kommt immer auf vieles an, ob etwas „stimmt“ – aber nicht auf früher oder später, schon gar nicht auf das rücksichtslose Jetzt sind wir dran! von Gegenwartsprofiteuren.
Die Vergangenheit ist in uns, wir sind selbst zum größten Teil immer Vergangenheit und nur mit Glück und Umsicht auch gelingende Zukunft. Wir tun gut daran, uns die Erbauer bestehender Häuser als Zeitgenossen zu denken. Was machen schon ein paar Jahre aus? Nicht wir auf einer höheren Stufe und sie auf einer niedrigeren auf der Zeitachse. Wir tun gut zu fragen: was würden sie uns raten; wie sind sie auf ihre Lösungen gekommen? Wird, wenn wir sie abwerten und „verbessern“, die nächste Generation das auch so sehen? Wird sie stattdessen „zurück“greifen wollen und davon abgeschnitten sein, weil in irgendeinem vergangenen Heute die Vergangenheit weggeräumt worden ist?

Und die Alte Akademie? So wie sie jetzt dasteht ist sie ein Werk der 50er Jahre. Die Bewohner dieser Stadt hatten eine furchtbare Zeit überlebt, an der sie zum Teil mitschuldig waren. Es war eine schlechte Zeit noch immer und sie entschieden sich dafür, an dieser Stelle das Band zur Zeit vor der Katastrophe nicht durchzuschneiden. Weil sie fanden, dass der zerbombte Bau ein Teil von ihnen war, den sie nicht missen wollten. Diese so wertvolle Ecke des Stadtbildes wurde unter damals hohen Kosten wiederhergestellt. Josef Wiedemann fand die – oder sagen wir – eine Form, die eine angepasste Weiternutzung ermöglichte; in einer gelungenen Verbindung von Renaissance und der Bauart dieser Zeitphase. Wenn man darauf aufpasst, hält das noch hundert Jahre: solide, nicht aufdringlich, keineswegs störend, gewohnt, vielseitig nutzbar. Die die dort arbeiteten, fühlten sich wohl – die Stadt kann rundherum stolz darauf sein.
Nun ist die Zeit, in der der Kommerz mit seinen Nebeneffekten nicht mehr weit vom Kollaps entfernt ist. Er hat sich Stadt und Land angepasst bis auf kleine Reste: die letzte Vollstreckung der Alles-ist-Kommerz-Welt spielt sich auf als eroberischer Triumph über früher – besiegt und betrogen dabei ist in Wirklichkeit die Allgemeinheit: ist es doch weitherum klar, dass eine Wende weg vom Kommerz zum Bewahren lebensnotwendig ist. Zurück auf das Wesentliche auf der einen Seite und auf der anderen soziale Gleichheit und Freiheit. Aufhören, auf Kosten anderer zu leben. Aber das anzugehen wird schwer gemacht durch die Profitmacher, ihre Seifenblasen und ewiggestrigen Beifallklatscher. Zuallererst ist es ein Kampf der Ideen. Eine der dümmsten wäre die, das Schlechtmachen von früher als fortschrittlich mißzuverstehen.

(Zur Seite stand für diesen Text die Schrift „Die Revolution“ von Gustav Landauer, geschrieben 1907. Ein grandioses Geschichtsbuch!)

Ein großes herzliches Dankeschön und viel Erfolg!

Aktuell nachgereicht: Der Brief von Brigitte Michail liegt jetzt öffentlich vor, abgedruckt auf Seite 7 der Standpunkte 6/2017 des Münchner Forums. Darin spricht Frau Michail neben den Arkaden auch das Hettlage-Kaufhaus mit der großen Rundtreppe an.


Nach gestriger Pressemeldung hat die Tochter des Architekten Josef Wiedemann Urheberrechte an der Gestaltung der Alten Akademie geltend gemacht. Damit ändert sich schlagartig die ganze Situation! Wenn das Recht helfen kann, ein erst vor gut 60 Jahre erneuertes Baukunstwerk vor der Verhunzung zu bewahren, dann soll es auch genützt werden – nachdem an erster Stelle der Staat, dann der staatliche Denkmalschutz, die Stadtplanungsbehörde und involvierte Stadträte diesen Schutz nicht gegeben haben. Nächste Woche wäre wahrscheinlich vom Planungsausschuss des Stadtrats eine Entscheidung pro Zerstörung gefällt worden – alles weitere in dieser Richtung ist abgesagt!

SIGNA brennt der Hut

Juristische Aspekte stünden nicht im Vordergrund, sagt Signa-Sprecher Robert Leingruber. Man wolle nun überzeugen, „wie behutsam und sensibel wir bei der Modernisierung der Alten Akademie mit dem Komplex umgehen“. (SZ) Schlechte Aussichten, wenn – ausgehend vom Bauwerk selbst, seiner Kunst und seiner städtebaulichen Qualität – neu diskutiert wird und die Möglichkeiten der Macht, des Geldes, der Verschleierung, der Beziehungsgeflechte dahinter zurücktreten. Die juristische Panzerwaffe, SIGNA-Baurechtsberater Alfred Sauter (Mitglied des Landtags und des CSU-Präsidiums) wird in die hinteren Linien zurückgezogen. Der ausgebuffteste, teuerste und bisher so hilfreiche Anwalt, immer wenn es um staatliche Immobilien geht, hat Pause. Die Freunde SIGNAs im Rathaus werden eine Umorientierungsphase brauchen, aber das wird sich geben.

Eine bessere Lösung in Aussicht

Es waren viele andere Vorschläge da, was man in der alten Akademie weiter machen kann. Haus des Wissens, Musikschule, Museum, Begegnungsort – für viele öffentliche Aktivitäten ist in dem Ensemble Platz, die seinen Charakter erhalten werden. Und dann ist behutsamer Umgang mit der Bausubstanz wirklich möglich statt dessen manipulativer Behauptung. Ein Kompromiss und halbe Sachen wären keine Lösung. Jetzt muss weitergedacht werden an die Rückabwicklung des Kaufvertrags und einen baldigen Neubeginn!

Wieviel Zerstörungswerk bekommt Benko von der Stadt erlaubt: fast alles oder alles?

Am 24. Mai wird der Ausschuss für Stadtplanung und Bauordnung über den Bauantrag beschließen (das nächste Stadtratsplenum im Juni muss dann bestätigen oder auch nicht). Der Entwurf des Beschlusses liegt uns vor. Darin ist alles enthalten, was wir bisher schon mehrmals dargestellt haben:
– Der Abriss des Hettlage-Kaufhauses. Das erscheint im Text als „Entkernung und Errichtung eines neuen Gebäudes mit mehreren Untergeschossen“. Die zu erhaltenden zwei Fassadenwände auf ihren Säulen müssen währenddessen am Stehen gehalten werden. Da werden vermutlich „statische Bedenken“ auftauchen …
– Entkernung aller anderen Gebäudeteile und Versetzung von ganzen Geschossebenen.
– Einbau von Loggien für die Wohnungen im Schmuckhof
– was bisher nicht gesagt worden war: „Der Dachstuhl des Gesamtkomplexes wird neu aufgebaut.“
– Erweiterung der Einzelhandelsnutzung von 5.000 auf 13.800 Quadratmeter Geschossfläche, durchwegs drei Etagen plus Untergeschoss, das dafür tiefer gegraben wird
– Teilunterkellerung des Schmuckhofes, neue Dachgauben und Dachflachfenster usw, usf.
– Dazu die weitere Abwicklung nach beschleunigtem Bebauungsplanverfahren gemäß § 13 a Abs. 1 Satz 1 Nr.1 BauGB. D.h. Einschränkung der Mitwirkungs- und Einspruchsmöglichkeit durch die Öffentlichkeit!

Großinvestoren könnten sich in Zukunft die Baugenehmigung gleich selber schreiben

Dieser Beschlussentwurf, vom Planungsreferat im Ausschuss vorgelegt, ist das im Einklang mit SIGNA weiterentwickelte Ergebnis des SIGNA-Architektenwettbewerbs. Es bedeutet die Zerstörung des Charakters der Alten Akademie und zugleich eines großen Teils der Gebäudemasse – nie wieder gut zu machen.
Die Abbildungen finden sich in der Anlage „Ergebnis der Überarbeitung“ (Morger Partner Architekten). Rot wurde von uns gekennzeichnet, was vom Bestand übrig bliebe.
Über diese ausgehandelte Zerstörung hinaus will SIGNA aber noch mehr: drei Eingriffe, die im Saldo kaum mehr viel Schlimmeres ausmachen, die aber anscheinend für die Profitbilanz so wichtig sind, dass SIGNA den letzten Kniefall der Stadt erzwingen will. „Erzwingen“ ist das falsche Wort, denn es gibt nicht den geringsten Anspruch auf
– Zubauen der Arkade an der Kapellenstraße
– Breite der Restarkade von 4,12m statt 5,40m (Wettbewerb) statt 7,70m heute
– drei Torbögen in der Fassade des Kopfbaus statt deren zwei (Wettbewerb)

Die Selbstaufgabe der Münchner Kommunalpolitik

Alfred Dürr berichtet nun in der Wochenend-SZ, dass die Fraktionen von CSU und SPD dahin tendieren, SIGNA diesen (vorerst) letzten Rest auch noch zu genehmigen. „Anders als bei sonstigen Großprojekten in der Altstadt dringen bei der Alten Akademie vor der Entscheidung kaum Äußerungen aus dem Stadtrat an die Öffentlichkeit. Auch Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) hält sich auffällig zurück. Die Diskussionen im Rathaus seien noch nicht abgeschlossen, heißt es aus seinem Umfeld. Es handele sich eben um einen schwierigen Abwägungsprozess, hört man aus der SPD- Fraktion.“ Mehr von dem was sie weiß, will die SZ nicht verraten und das ist auch nicht ungewöhnlich. Wir werden uns im nächsten Beitrag mit dem undemokratischen Filz im Rathaus beschäftigen.


Der Architektenwettbewerb unter Leitung von Sir Chipperfield.
Über diesen Wettbewerb vor einem Jahr hat sich mittlerweile Haarsträubendes herauskristallisiert. Wie Frau Merk selbst öffentlich sagte, „haben sich überhaupt nur zwei der elf Entwürfe dem Denkmalschutz vernünftig genähert“. Wo blieb da die Auswahlmöglichkeit? Und unter Beisein von sieben Stadträten wurde ein Entwurf ausgewählt, der sich nicht an die Vorgabe des Stadtrates hält (durch Schließung der Arkade im Kopfbau). Im Entwurfspapier zieht man es bei der Schilderung des Wettbewerbs vor, davon zu schweigen.

Ein echtes Problem – auf beschämende Weise aus dem Weg getextet. 
Die Partei Die Linke im Stadtrat hat den Antrag gestellt, die Arkaden komplett zu erhalten – wie es bis vor zwei Jahren nie anders gedacht war und wie es in Bezug auf den Kopfbau Stadtratsbeschluss von Nov. 2015 ist. Die unglaubliche Abschmetterung im Entwurfspapier:
„Die von den Zielvorstellungen abweichend vorgeschlagene Ausgestaltung der Arkaden im Kopfbau der Alten Akademie lässt eine Zugänglichkeit für die Öffentlichkeit, wenn auch auf andere Art und Weise, weiterhin zu.“
Eine „Zugangsmöglichkeit“ zu einem Computer- oder Schuhladen heutiger Machart soll gleichwertige Alternative zur städtebaulich herausragenden Gestaltung der offenen Arkadenhalle durch Josef Wiedemann sein – tiefer könnte die Münchner Stadtplanungsbehörde kaum sinken! Aber sonst ginge es nicht.

Der letzte Strohhalm der PR: Die „Öffnung“ des Schmuckhofs als „Benefit für die Stadt“.
Ein einigermaßen großer Hof, viele Stunden des Tages im Schatten, ein charmantes architektonisches Unikum mit seiner dreiseitigen konsequenten Reihung von Bürofenstern und dem typischen Münchner Putzdekor – dann: Kommerz rundum, das Luxus-Kaufhaus im Rücken, oben Schicki-Wohnungen, unten Läden und Gastronomie, eine neue Kolonnadenkonstruktion und das generelle Abkassieren = attraktive Ruhezone! Von Poesie und Schönheit in der Stadt her gesehen: dieser Schmuckhof ist von der scheuen und zurückhaltenden Art. Ein „Öffnen“ durch SIGNA heißt nichts anderes als: Eroberung und „urbane“ Kolonialisierung. Diese dreiste Manipulation entspricht einem Projekt, in dem sich nichts Positives findet, was sich vernünftig zur Gewinnung der Öffentlichen Meinung verwenden liesse.

Eine mehr als aufdringliche Einmischung und sie kommt wie bestellt

Zwei Artikel vom 10. Mai. Einer aus der Süddeutschen Zeitung, der andere aus einer Zeitung, die es nicht gibt …

Chipperfields Verbindung zur Alten Akademie ist eine geschäftliche. Er war bestellter Jury-Vorsitzender des SIGNA-Architektenwettbewerbs und hat prominent u.a. mitzuverworten, dass die klare Vorgabe des Stadtrates vom Tisch gewischt wurde: Der Arkadenteil im Kopfbau sollte bleiben, die Jury setzte sich darüber hinweg.
Damit war es nicht genug: nun plädiert er für weitere Toröffnungen im Kopfbau. Hier spart er sich Kritik an Josef Wiedemann und bringt die Balance von Bewahren und Verändern ins Spiel. Worum gehts? Dass unübersehbar wird, was es beim Hauptmieter zu kaufen gibt; denn es wird dann ja ein Kaufhaus sein.
Dieter Wieland, den wir hier nicht vorzustellen brauchen, hat in seinem Brief vom 1. Dezember an Bürgermeister und Stadträte geschrieben: „Zum ersten Mal in seiner Geschichte ist dieses einzigartige Gebäude für eine rein kommerzielle Nutzung freigegeben, die es hier nie gegeben hat und die den Charakter und die Stimmung dieses Bauwerks auf eine nie da gewesene Weise dramatisch verändert. Aus einem Gebäude der Wissenschaft wird ein Luxus-Kaufhaus plus Luxus-Gastronomie und Luxus-Wohnungen. Die festliche, noble Architektur passt nicht mehr, in den Öffnungen nicht, in den Stockwerkshöhen nicht, in den großartigen ruhigen Dachflächen nicht. Gitter im Sockelgeschoß sollen entfernt werden, die Fenster aufgeschlitzt bis zum Boden für Schaufenster.“

Man kann von jedermann erwarten, beim Bewerten alter Gebäude nach den Überlegungen zu forschen, die die Erbauer beim Entwurf geleitet haben – um zu verstehen. Chipperfield hat das nicht nötig und schreibt dennoch Briefe. Über das Kaufhaus Hettlage und eine weitere wesentliche Funktion der Arkaden erklärte Dieter Wieland im selben Brief: „… Stattdessen wurde aus politischen Gründen der Westteil der Alten Akademie an das Kaufhaus Hettlage vergeben. Wiedemann hat in seinem Entwurf alles vermieden, was nach Kaufhaus aussah. Die Schaufenster wurden soweit zurückversetzt, dass sie nicht mehr für die Fassade wirksam waren.“

Dem Kaufhaus-Architekten Chipperfield wird man nicht begreiflich machen können, dass es Wichtigeres als Schaufenster gibt und so sollte München ihm einfach besser nicht mehr zuhören.

 

Die Politik hätschelt den Kommerz, der Verlust geht zu Lasten aller

Veranstaltungshinweis:



Die neuen Standpunkte (Mai 2017) des Münchner Forums enthalten auch einen unbedingt lesenswerten Artikel zum aktuellen Verlauf der Fronten rund um die Alte Akademie.
Daraus möchten wir zitieren, in welch irre Situation sich Prof. Mathias Pfeil mit seiner Haltung noch bringen wird:
„In jüngster Vergangenheit wurden von seiner staatlichen Denkmalschutzbehörde historischen Gebäuden die Denkmalwürdigkeit versagt und sie dem Abriss anheim gegeben – unter Verweis darauf, dass diese Gebäude im Innern über die Jahre teilweise umgebaut worden seien und damit nicht mehr den Zustand ihrer Entstehung in aller Reinheit widerspiegelten. Anders aber im Falle der Alten Akademie: Hier lässt der Generalkonservator den Umbau des denkmalgeschützten Akademie-Gebäudes mit sehr weitgehenden inneren und äußeren Eingriffen zu. Dies betrifft vor allem auch den „Hettlage-Bau“, der in seiner Gesamtheit als charakteristisches Bauwerk der Wiederaufbauzeit in die Denkmalliste eingetragen ist. Hier lässt das Landesamt den Totalabbruch mit der Maßgabe der Wiederherstellung der Fassade an der Neuhauser Straße zu. Nach den strengen Maßstäben, die sein Amt an andere denkmalgeschützte und denkmalwürdige Gebäude anlegt, müsste die Alte Akademie nach den Umbauten ihren Denkmalstatus verlieren – soll es etwa darauf hinauslaufen?“

Nachtrag: Die Veranstaltung war mit 120 Teilnehmern gut besucht. Von CSU und SPD war kein einziger Stadtrat erschienen. Zunächst trug Herr Uhmann vom Planungsreferat dessen Beschlussentwurf  vor, als sei es der normale, wohlbedachte Gang der Dinge. Durch die anderen Podiumsteilnehmer und das Publikum kam eine andere Haltung zum Ausdruck und es wurden viele wichtige Einzelheiten bekannt. Ein starkes Votum für die Arkaden und gegen das Kommerzprojekt, das SIGNA mit der Alten Akademie insgesamt vorhat. Sie können sich die Podiumsdiskussion anhören unter
http://muenchner-forum.de/wp-content/uploads/2017/05/Mitschnitt-_Alte_Akademie.mp3
Am Ende (1:59) sprach Gert Goergens als Jury-Mitglied über den Wettbewerb. Daraus: “ … Wir hatten keine Arbeiten, die besser waren. Das war das große Problem. Was machen Sie mit einem Wettbewerb, wo am Ende alle Arbeiten nicht umsetzbar sind? Dann suchen Sie nach der, die noch am ehesten umsetzbar ist. …“

Wie sollte die Alte Akademie jemals 10 Prozent netto schaffen?

„Aus der Alten Akademie wurde die Alte Akademie Immobilien GmbH & Co. KG. … Die Alte Akademie wird für 65 Jahre Geldmaschine für Investoren und Immobilien-Kapitalanleger. Und das mit staatlicher Zustimmung.“
(Dieter Wieland, Festvortrag zur Verleihung der Bayerischen Verfassungsmedaille, Dez. 2016)

Und wenn es anders kommt?
Zahlen des Schweizer Wirtschaftsblatts Bilanz, April 2017

„… Auch weil Benko als sehr harter Geschäftspartner gilt. Seine Intransparenz wiederum weckt bei den Medien Argwohn: Benkos Imperium verzweigt sich auf über einhundert Gesellschaften, zwischen denen munter Gelder und Immobilien verschoben werden. Darauf, dass man von aussen in den Bilanzen nichts erkennen kann, ist man bei Signa stolz. Nun dringen erstmals Zahlen nach draussen.“
Hier also die Tabelle (der Comix ist woanders abgekupfert):


„Wir zahlen vier bis sechs Prozent Cashdividende pro Jahr, dazu kommt die Wertsteigerung, so dass in der Summe jedes Jahr eine Gesamtrendite von über zehn Prozent herausschaut“, heißt es bei Signa Prime. (Bilanz)

Da rollt der Rubel – wenn er rollt! Auch von dieser Warte aus gesehen, kann die Alte Akademie letztlich nur durch einen Fehler ins Portfolio geraten sein. Sie wurde vom Staat im wahrsten Sinne des Wortes auf den Markt geworfen und SIGNA ließ sich durch die verhängnisvolle Super-Best-1a-Lage zum Kauf locken.
Der Appetit ist da, aber über 10 Prozent Rendite? Jahr für Jahr? Wie soll das gehen? Was ist da versprochen worden? Wie ist das Konzept (signatypisch so geheim wie großsprecherisch angekündigt)? Auf Steuer-Vermeidungs-Energie gebaut? Mit maximalem Luxusfaktor (in der Neuhauser Straße)? Oder 1-Euro-Shops? Mit maximaler Anpassung an die großen Geldbringer? Immobilienblase ante portas? Weiterverkauf?  Viele Fragen.
Die Realität sieht freilich anders aus (immobilienreport München, März 2017 und Statistik-Portal):


Für die Alte Akademie steht ein Vernutzungs-Szenario unter knallhartem Profitregime in Aussicht. Denn, Freundschaft hin oder her, eines erwarten die Geldgeber hinter Benko: die pünktliche Zahlung. „Im Gegensatz zu vielen anderen hat Benko immer geliefert, seitdem ich ihn kenne“, sagt Hans-Ulrich Lehmann, der via Falcon Bank beteiligt ist und Benko zudem eine Villa am Gardasee abgekauft hat. (Bilanz)
250 Millionen gingen an den Staat, sagt man (schon bezahlt?); noch ist kein Stein abgebrochen und nichts reingesteckt (nicht mal ins Sauberhalten). Das kann noch mal soviel kosten. Dabei ist die Münchner Innenstadt bereits überkommerzialisiert und der Trend zeigt nach unten. Wir machen uns nicht die Sorgen von SIGNA, nur was soll dabei herauskommen?
Für den reichtumssüchtigen „Immobilien-Zaren“ (Bilanz) ein Klotz am Bein (Low-Performer), der die hoch gesteckten Profitziele gefährdet und für die Stadt München ein ausgeweidetes, ein kaputt „revitalisiertes“ Denkmal von großer Bedeutung – verloren. Dieses doppelte Fiasko kann der Stadtrat verhindern; und wenn man es mal so sagen will: zum Besten aller Beteiligten.

Die Debatte kommt in Fahrt – noch ist nichts verloren

Trotz dieser Aussage war es insgesamt ein recht erfreulicher Abend in der Akademie der Schönen Künste! Endlich kamen viele Menschen mit ihrer Kritik und ihrer Wertschätzung für die Alte Akademie zu Wort. Das war schon etwas anders als die geschmeidige Art und Weise, wie dieses Projekt bislang durchgefädelt wurde – mit dem Ergebnis einer verfahrenen Situation.
„Um die m.E. wichtigste Aussage gleich am Anfang über diesen heutigen Abend zu stellen, möchte ich ausdrücklich feststellen, dass alle Probleme mit der Alten Akademie letztlich daher rühren, dass das bayerische Finanzministerium ein Herzstück der Münchner Altstadt ausschließlich unter dem Aspekt des Maximalgewinns verkauft hat, ohne konkrete Auflagen.“ Prof. Nerdinger erinnerte auch an die schon begangenen Sünden in der Münchner Altstadt (z.B. Alter Hof) und bezog sich auf Dieter Wieland und sein flammendes Plädoyer an die Münchner Stadträte. Meike Gerchow vom Denkmalnetz stellte heraus, wie entscheidend (und deshalb auch gesetzlich gefordert) die richtige Nutzung solch alter Gebäude ist – möglichst nah an ihrer ursprünglichen Zweckbestimmung. Prof. Andreas Meck, Dekan der Architekturfakultät der Hochschule München, stellte fünf Thesen vor. Sie gingen von der hohen Qualität der 50er Jahre Architektur über sinnentleerte Nutzung, die Innenstadt als Raum für Begegnung, den Präzedenzfall für Nachahmer bis zur emotionalen Bedeutung: eine klare Absage an die Umbaupläne. Es ist zu hoffen, dass diese Thesen zu einer ihrer Aussagekraft entsprechenden Veröffentlichung kommen.

Herr Stadlhuber zeigte in seinem ganzen Auftritt, wie gebriefte, auf Sieg eingeschworene Investoren-Offiziere gegenüber einer Öffentlichkeit agieren, die einfach viel Zeit braucht, die verschiedenen Gesichtspunkte und Meinungen zu sortieren, um sich zu einer gebührenden Abwehr zu sammeln. Dieses Muster lief nach folgenden Punkten ab:
1. Wir sind die Boten des Zeitgeistes und haben „naheliegenderweise“ Vorfahrt in der frequentiertesten Fußgängerzone Deutschlands. Die Alte Akademie sei derzeit eine „massive Unterbrechung des Flusses in der Neuhauser Straße“
2. Wir sind ja schon sehr, sehr weit in den Gesprächen, es geht nur noch um drei Punkte
3. Was schon ausgehandelt wurde, geben wir nicht mehr her
4. Wir sind keine „Raubritter“ sondern verkannte Wohltäter: „Öffnung des Schmuckhofs nach 400 Jahren“ (!) und gleich noch des Klosterhofs dazu
5. Alles andere ignorieren wir und lassen es ins Leere laufen
6. Es sollten jetzt keine Fronten aufgebaut werden

„Man bezeichnete es als eine ‚Unehrlichkeit‘, hinter einem historischen Akademiebau ein Geschäftshaus zu verbergen. Auch das Landesamt für Denkmalpflege verhielt sich ablehnend.“ (SZ, 1951) Das war einmal. Der amtierende Landeskonservator Dr. Mathias Pfeil forderte von Denkmälern die Weiterentwicklung und konnte mit den Plänen von SIGNA leben, sie zeigten die Früchte des Einsatzes des Landesdenkmalamtes. Fassade und Dach (plus Eingangshalle, Kantine und ein Treppenhaus oder zwei) würden ausreichend die vergangenen Zeitschichten ablesbar machen. Und eine Mini-Arkade täte dies auch. (Seine unabhängige Meinung könnte sicherlich anders sein.)

Frau Stadtbaurätin Merk sprach einmal im Nebensatz davon, dass sie hier wohl für Ambivalenz zuständig sei – was durchaus spürbar wurde. Einerseits beschwor sie die Gefahr, dass durch eine Erlaubnis der Veränderung der (immer wieder zu sagen: durch Bezahlung rechtlich gesicherten) Arkaden weitere Arkaden in der Innenstadt gefährdet würden (nur ein Teil ist verbrieft). Sie vertrat das Interesse der Bürger, Räume zu haben, die nicht konsumorientiert sind. Andererseits ist sie derzeit doch bereit, die große offene Halle im Kopfbau aufzugeben. Und Frau Merk möchte weiterhin dem Ergebnis des Architektenwettbewerbs folgen.

Der berühmt-berüchtigte SIGNA-Architektenwettbewerb

Von Frau Merk selbst wurde nun, ein Jahr später, berichtet, dass nur zwei der elf Entwürfe überhaupt sich dem Denkmalschutz vernünftig genähert hätten! Die Möglichkeit, diesen Skandal auf die Architekten zu schieben, konterte Herr Meck mit der nachvollziehbaren Erfahrung, dass sich Architekten an der Erwartung des Bauherrn orientieren würden. Die Jury hat aber das schräge Ding unter dem Vorsitz von Sir David Chipperfield zu Ende geführt: der Entwurf von Morger Partner Architekten wurde zum „Sieger“ erklärt.
Eine aufschlussreiche Passage: Mitschrift 4.April Debatte
Seitdem ist die Stadt bestimmt vorsichtiger mit dieser Art Wettbewerb, aber was hilft das der Alten Akademie? Wie wir bereits in früheren Beiträgen dargestellt haben, bedeutet der gewählte Entwurf die Aushöhlung des Ensembles und die praktisch komplette Neubefüllung einer äußeren schamhaften Hülle. Solange das von vielen Beteiligten nicht wahrgenommen oder verdrängt wird, haben SIGNA und die Verantwortlichen des bayerischen Staates in der Hauptsache gewonnen.

Um nur einen Bruchteil, um die Arkaden, geht gerade der Streit um die Baugenehmigung und der Niederschlag davon in den Zeitungen. Die Schließung der offenen Halle im Kopfbau entgegen den Vorgaben des Stadtrats ist ein so schwerwiegender Verfahrensfehler, dass das zurückgenommen werden müsste! Die Begründung, warum es trotzdem vertretbar sei, ist Frau Merk auf Frage von Prof. Nerdinger nicht gelungen:
„Und die Wettbewerbsentscheidung war, und das habe ich versucht, eben ganz kurz zu erläutern, weil man es wirklich nicht sofort versteht. Der ist sozusagen dieser Argumentation des Architekturbüros Morger Partner Architekten gefolgt, zu sagen, im Prinzip habe ich da zwei Körper, die zusammengewachsen sind und ich behandle diesen Körper Alte Akademie wieder als eine räumliche Einheit. Dafür kann man dann die anderen Dinge, die wichtig sind, besser erhalten.“  ???

Wie strategisch dagegen SIGNA arbeitet, sieht man daran, dass Herr Stadlhuber noch drei Eingriffe zusätzlich durchbringen will. Die waren vorsorglich vor einem Jahr am Ende des Preisgerichtprotokolls unter „zu prüfen“ notiert worden: Wegfall der Arkade Kapellenstraße – noch schmälere Arkade vor Hettlage – mehr Portale im Kopfbau. Dafür ist SIGNA bereit, seinen Verhandlungs“partner“ zu quälen und alles auszureizen bis an die Grenze. Es fehlt der Respekt vor der Geschichte und der bestehenden Substanz dieses Ensembles – und vor der Stadt.

Der Stadtrat Münchens hat die Planungshoheit. Er ist nicht daran gebunden, was bisher besprochen wurde. Er kann zwar den Verkauf an SIGNA nicht aufheben. Aber er kann, nachdem nun endlich angefangen wurde, das Ganze offen zu diskutieren, sich die Zeit nehmen, auf Fachleute und auf Stimmen aus der Bevölkerung zu hören. Er kann und muss das Denkmalrecht anwenden. Er kann noch einmal die Frage annehmen, wohin die Entwicklung in der Innenstadt gehen soll: Kommerz total oder wieder mehr öffentlicher Raum.