Nun hat SIGNA zwar CSU und SPD zum Offenbarungseid gebracht, aber ein Sieg ist es nicht

Um die Eigeninteressen ihres Tycoons – Zaren – Uncle Scrooge auf Biegen und Brechen durchzudrücken, hat SIGNA den Hebel dort angesetzt, wo auf Beziehungen Verlass ist. Bei der Partei der Immobilienwirtschaft; bei der Partei eben, deren künftiger Ministerpräsident den Verkauf unterschrieben hat. Von der SPD ist bekannt, dass Feldwebel Reissl das Heft in der Hand hat, mit Wohlwollen des OBs, von dem man noch nie gehört hat, dass er Investoren etwas abschlagen wollte. Von oben geht’s runter an die Ausschussmitglieder – der Fraktionszwang ist gut eingeübt und so trifft Stadträtin Rieke, danach Stadtrat Sauerer die saure Pflicht der Antragsvorstellung, die sie in jeweils fünf Minuten hinter sich bringen. OB Reiter und Stadtbaurätin Merk enthalten sich vielsagend des Wortes.

29. Januar Fraktionssitzungen, 31. Januar Planungsausschuss: der Beschluss wird passend gemacht

Das SIGNA-Projekt spaltet. Machtlinien untergraben einen sinnvollen Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozess. Es ist keine Atmosphäre der freien Diskussion über die beste Lösung – alle wissen, hier wird ein Diktat durch die Instanz geschleust. Überfahren wird dabei das Referat für Stadtplanung und Bauordnung, ebenso wie der Bezirksausschuss Altstadt/Lehel, die Parteigruppe der CSU in der Altstadt, GroKo-Stadträte mit einer anderen eigenen Meinung und all die Fachleute, die an den Stadtrat appelliert hatten, nicht nachzugeben und die Arkaden zu erhalten. Die Öffentlichkeit sowieso, denn kein pro-stimmender Stadtrat, weder von CSU noch SPD hat jemals in Veranstaltungen, die es gab, das Wort ergriffen, wenn überhaupt teilgenommen. Die Federführenden im Hintergrund schon gar nicht. Eine „politische Entscheidung“ – dann muss es ja schief gehen.

Viel schriftliche Arbeit machen sie sich nicht: die Punkte, die SIGNA noch abgehen, werden in der Beschlussvorlage vom letzten Jahr lapidar ausgetauscht. Zum Gesamtpaket steht alles in unserem alten Blogbeitrag. Zum Stand der Dinge beim Urheberrecht gibt es ein Hinweisblatt aus dem Planungsreferat.

Die Grünen, die Linke und die ÖDP hielten gut dagegen und forderten die Beibehaltung der Bestandssituation bei den Arkaden mit voller Durchgangsmöglichkeit. Die Entkernung des gesamten Gebäudes, die Zerstörung des Charakters der Alten Akademie haben sie leider nicht anzusprechen gewagt.

Der peinliche Akt gilt SIGNA nun als Startschuss für die nächste Etappe. „Die Signa will umgehend mit der Stadt Verhandlungen über das weitere Bebauungsplanverfahren aufnehmen. Stadlhuber rechnet damit, dass der Umbau der Alten Akademie in einem Jahr beginnt. Drei Jahre lang sollen die Arbeiten dauern.“ (SZ) Drei Jahre Bauzeit = es bliebe kein Stein auf dem anderen.

Das Bild dazu: Aber ist es nicht das Normalste der Welt, wenn der größte Immobilienhai auch am meisten gibt, wenn die Immobilienpartei um Spende für ihren Ball bittet?  (Abbildung wurde verändert)

Anfrage der Partei Die Linke an den Oberbürgermeister
Artikel in der Süddeutschen Zeitung


Aus den Ausführungen der heutigen Sozialdemokratin Rieke:
„Zur – sag ich mal – heutigen Nutzung eines Gebäudes gehört natürlich, dass man da eben entsprechend seine Waren anbietet. Und die Kaufhauskonstruktion scheint nicht mehr das Neueste auf dem Markt zu sein sondern man bietet es an in einzelnen Spezialgeschäften, die dann eben insbesondere in diesen Lagen der Münchner Fußgängerzone dann auch eine recht hochpreisige Ausgestaltung haben. Auch das Gutachten, das jetzt verfasst worden ist zum Thema Urheberrecht erkennt solche Interessen ausdrücklich an. Selbstverständlich gehören sie in die Abwägung mit dazu. Darum nützt es auch nichts, wenn der eine oder andere sagt ‚das ist aber Igitt, das wollen wir gar nicht.‘ “
Es gilt nur das Heute, der Markt, die Waren. Ein Gebäude ist da so wie das andere … Was reden wir eigentlich lange herum?

Was auch kommen mag, München ist ja so schön. Warten Sie ab, Sie werden es schon sehen

Seit kurzem läuft die Ausstellung „München weiterdenken – 125 Jahre Stadtentwicklung“ in der Rathausgalerie, präsentiert vom Referat für Bauordnung und Stadtplanung. Die ausgestellten Modelle sind sehr nützlich zur Anschauung – bei den Erläuterungen zieht sich eine rosarote Färbung durch. Die vielen negativen Auswirkungen des Verdichtens und Zubauens werden gnadenlos geschönt; es soll unbedingt der Eindruck erzeugt werden, das profitgetriebene, schluderhafte Ummodeln Münchens in eine „Luxus“stadt für wenige und einen Ort zunehmender Qual für viele hätte einen städteplanerischen Hintergrund …

Wir haben mal geschaut, wie über die Alte Akademie berichtet wird. Ganze drei Sätze: Der erste ist sicherlich richtig. Der zweite wäre richtig, wäre nicht das Wort „Erscheinungsbild“, das im Denkmalschutzgesetz nicht vorkommt. Dann wäre die Aufgabe beschrieben – die das Amt für Denkmalpflege allerdings nicht erfüllt, weil es sich auf die Seite des Verkäufers (des Staats) und des Investors gestellt hat. Der dritte Satz kann nur als schwacher Versuch behördlicher Satire aufgefasst werden, vielleicht ist er nur ratlos und gleichgültig. Die Bürger(innen) der Stadt werden zu „Passanten“ gemacht. Warum nicht gleich zu „Konsumenten“? Das war es dann schon.

Es wird nicht berichtet, dass die Stadt in der laufenden Auseinandersetzung etwa eine Position hätte und für diese kämpfen würde. Es wird nicht berichtet, warum das Projekt so umstritten ist und warum es seit über einem halben Jahr stockt. Es steht da nichts vom Verscherbeln durch Söder, nichts von einem verkorksten Architektenwettbewerb, vom fast vollzogenen Nachgeben des Stadtrats gegenüber SIGNA, nichts von der drohenden Zweckentfremdung eines kulturellen Erbes als Kommerzobjekt. Eine solch schwache Leistung hat die Sache selbst und München nicht verdient.


Die Ausstellung stellt eine mehr als gewagte Beziehung zum großen Münchner Architekten und Städteplaner Theodor Fischer her. Deshalb hier ein Ausschnitt aus einem Vortrag Theodor Fischers, den er 1928 gehalten hat.
Theodor Fischer war ein Neuerer, der das Überkommene achtete und dem Geist der Zeit nicht blind folgen wollte. Ein Mann der Bildung und der Ehrlichkeit, der auf den Verstand der Menschen und Fachleute baute und bereit war, Vertrauen zu schenken. Er hat für die Stadt viele prächtige Gebäude entworfen und die Stadterweiterung nach bestem Fachkönnen geplant. Er dachte und arbeitete für die Stadtgemeinschaft, nicht für die, die das Geld haben. Er setzte auf Takt und  künstlerischen Anstand – was er wohl zu den heutigen Zuständen sagen würde?

Altstadt und Neue Zeit

… zurück zum Gegenstand: Altstadt und Neue Zeit. Takt haben wir nötig und zum Takt muss die Denkmalpflege mahnen und, wenn es nicht anders geht, zwingen. Ich nannte es eingangs selbstverständlich, dass die Altstadt als Denkmal geschützt werde: ich deutete aber an, dass dies nicht durch Einbalsamierung geschehen dürfe und bekannte damit, dass ich die Aufgabe im Grund eigentlich für unlösbar halte. Unsicher und schwankend also wäre das Ergebnis. Das wird niemand überraschen, denn „von den verantwortlichen Führern der Denkmalpflege ist es längst anerkannt (ich berufe mich damit auf die Aussage eines solchen Führers), dass die beste und würdigste Erhaltung eines Kunstdenkmals die ist, die dem Denkmal am längsten den  l e b e n d i g e n  Gebrauch sichert.“ Das ist in der Altstadt nur möglich, indem diese sich ständig verändert. Wie sie sich verändert, hängt tatsächlich vom Takt, vom Geschmack derer ab, die die Veränderung hervorbringen. Das sind nun nicht nur die Architekten. Es ist ungerecht, diese allein für den Stand der Baukunst verantwortlich zu machen. Der Bauherr ist eine größere Macht und eine dritte ist die Behörde.

Der Bauherr als Erster, als Treibender, in Altstädten in der Regel der Geschäftsmann, verlangt die Erfüllung seiner Bedürfnisse: es ist die Zeit, die diese Bedürfnisse in unerquicklichem Zeitmaß sich ändern lässt und es ist die Zeit, die diese Bedürfnisse nicht nur sachlich bestimmt, sondern modisch und marktschreierisch sich überkugeln lässt. Gegen diesen Geist der Zeit anzugehen, verlange man nicht von dem Architekten allein, der leben will und der dienen soll. Die Behörde hat Gesetze gegeben für die Sicherheit derer, die in den Werken der Baumeister leben sollen, gute und notwendige und manche weniger gute und auch unnötige. Dass sie auf diesem Weg auch die Form bedenklich mitbestimmt, ist eine Angelegenheit, die anzurühren nicht überall willkommen sein wird. Es wird immer verkannt, wie sehr der Architekt da dienen muss. Soll nun auch eine künstlerische Polizeibehörde tätig sein, etwa ein Kunstrat für die Altstadt? Ich bin sehr im Zweifel, ob da allzuviel Gutes herauskommt. Der Architekt, durch Bauherrn, Baupolizei und Kunstrat eingeschränkt, wird eine ziemlich jämmerliche Figur darstellen. Sollte man ihm trotz vieler Sünden der Eitelkeit und des Nichtvermögens nicht zunächst einmal Vertrauen schenken?

Nichts verpflichtet so sehr wie Vertrauen. Anstand und Takt, nicht Formrezepte und Zierrat sind die Gegenstände unserer akademischen Lehre gewesen. Vielleicht geht der Same doch noch auf: Wäre man enttäuscht über diese gefühlsmäßige Vertröstung: erwartete man handwerksmäßige, aus der Erfahrung gewachsene Vorschläge? Gerade diese muss ich vermeiden, wenn ich nicht nur Maßnahmen vorschlagen will, die morgen überlebt sind. Nicht eben Formendinge können helfen, sondern tiefere Besinnung auf das Sittliche, das in der Frage liegt. Der künstlerische Anstand allein kann fördern. Sollen wir aber nach der Polizei rufen gegen Rüpel und Ichlinge, gegen die Sucht der Geschäftsleute, aufzufallen, sich zu spreizen im Stadtbild des Geschäftes wegen, gegen die Schwäche oder Eitelkeit des Architekten und gegen die krampfigen Neumodischen unter ihnen? Was hilft erzwungener Anstand? Ist das nicht ein Gegensatz in sich? Ist es nicht besser, wohl mit offenem Auge Wache haltend über das überkommene Kunstgut, aber doch zunächst Vertrauen zu schenken dem redlichen Streben der ernsten Neuerer? Denn mit dem Bekenntnis will ich schließen: Diese neue Baukunst in ihrem gesunden Kern scheint mir ihrem Wesen nach der guten alten näher zu stehen als die ganze Geschichtskunst.

(Damit nicht doch verwechselt wird: die am Ende benannte „neue Baukunst“ ist die der Zwanziger Jahre oder allgemeiner des Anfangs des 20. Jahrhunderts.) aus: Theodor Fischer, Gegenwartsfragen künstlerischer Kultur, München, 1947

Oligarchen kommen nicht von selber hoch, sie werden gemacht


„Das Pokerspiel um Kaufhof hat begonnen“. Wenn Sie dieser Tage in Artikeln – aus denen Sie wahrscheinlich nicht viel schlauer werden – lesen, dass der „Immobilienmogul“ Benko „nach dem Kaufhofkonzern greift“, dann macht das Albert Einstein klarer:

Privates Kapital tendiert dazu, in wenigen Händen konzentriert zu werden – teils aufgrund der Konkurrenz zwischen den Kapitalisten und teils, weil die technologische Entwicklung und die wachsende Arbeitsteilung die Entstehung von größeren Einheiten auf Kosten der kleineren vorantreiben. Das Ergebnis dieser Entwicklungen ist eine Oligarchie von privatem Kapital, dessen enorme Kraft nicht einmal von einer demokratisch organisierten politischen Gesellschaft überprüft werden kann.
Dies ist so, da die Mitglieder der gesetzgebenden Organe von politischen Parteien ausgewählt sind, die im Wesentlichen von Privatkapitalisten finanziert oder anderweitig beeinflusst werden und in der Praxis die Wähler von der Legislative trennen. Die Folge ist, dass die ,,Volksvertreter“ die Interessen der unterprivilegierten Schicht der Bevölkerung nicht ausreichend schützen.
Außerdem kontrollieren unter den vorhandenen Bedingungen die Privatkapitalisten zwangsläufig direkt oder indirekt die Hauptinformationsquellen (Presse, Radio, Bildung). Es ist deshalb äußerst schwierig und, für den einzelnen Bürger in den meisten Fällen fast unmöglich, objektive Schlüsse zu ziehen und in intelligenter Weise Gebrauch von seinen politischen Rechten zu machen.

Albert Einstein, Warum Sozialismus, 1949

Verantwortlich sind Banken (bei Benko vor allem staatliche Länderbanken), die neben einigen dubiosen Superreichen dafür Geld ins Spiel werfen. Es sind die Parteien in der Regierung, deren Gesetze Benkos undurchsichtige Firmengeflechte und Steuervermeidung ermöglichen. Es sind die Ideologen des freien Marktes (der keiner ist). Es sind die Freunde im Big Business und in öffentlichen Ämtern, die Benko lukrative Objekte zuschieben. Gerichte geben Bewährung statt Gefängnis. Es sind die Medien, die sich angewöhnt haben, diese Aktionen aus der Sicht der Täter zu betrachten und die mit kleinen „Kaisern“ sympathisieren.

Albert Einstein fährt fort:

An diesem Punkt angelangt kann ich kurz aufzeigen, was für mich das Wesen der Krise unserer Zeit ausmacht. Es betrifft die Beziehung des Einzelnen zur Gesellschaft. Der Einzelne ist sich seiner Abhängigkeit von der Gesellschaft bewusster als je zuvor. Aber er erfährt diese Abhängigkeit nicht als etwas Positives, Organisches, als Schutzgewalt, sondern eher als eine Bedrohung seiner naturgegebenen Rechte, oder sogar seiner ökonomischen Existenz. Außerdem ist seine Stellung in der Gesellschaft so, dass die egoistischen Triebe ständig hervorgehoben, während die sozialen Triebe, die er von Natur aus hat, schwächer werden und immer mehr verkümmern. Alle Menschen leiden unter diesem Prozess der Verschlechterung – ganz gleich welche Stellung sie in der Gesellschaft innehaben. Als unwissentlich Gefangene ihrer eigenen Ichbezogenheit fühlen sie sich unsicher, einsam und des ursprünglichen, einfachen und schlichten Genusses des Lebens beraubt. Der Mensch kann den Sinn seines kurzen und bedrohten Lebens nur innerhalb der Gesellschaft finden.

Und immer steht die Frage: Was hat Benko vor? Der Glücksspieler hat die Freiheit, mit dem zu zocken, was gemeinsamer Besitz aller sein sollte. Manche mögen Spaß an solchen Rätseln finden. Aber hier ist auch der Punkt, der allen klar sein muss: Rechtsbürgerliche, rassistische und demagogische Bewegungen wie die AfD werden genau durch diese Schaffung von undurchsichtigen und aggressiven ökonomischen Machtgruppen und Oligarchen gefördert: Unsicherheit, Ungewissheit, Ungleichheit. So wird der Untergrund geschaffen, auf dem antisoziale Rattenfänger gedeihen können. Ihre Spitzenleute sind an die Oberschicht angekoppelt und werden auch von ihr finanziert.

Was in Giesing der Bagger, ist SIGNA eine Wirtschaftskanzlei


„Ihr Mehrwert: Wir prozessieren nicht aus Lust am Streit. Doch wenn wir uns im Interesse unserer Mandanten – ob Großkonzern, mittelständisches Unternehmen oder Privatperson – streiten, tun wir es mit jener Härte, Leidenschaft und Nachhaltigkeit, für die Noerr seit Jahrzehnten bekannt ist. Wir streiten nicht „ums Prinzip“, sondern mit dem Erfolg als Ziel und mit Blick für das (gerade noch) Machbare. Also mit „Augenmaß“ und unter Berücksichtigung der für unsere Mandanten wichtigen Randbedingungen.“
(Selbstdarstellung der Rechtsabteilung der Wirtschaftskanzlei Noerr)

Um die Anwendung des Urheberrechts auf die baukünstlerische Leistung Josef Wiedemanns aus dem Weg zu räumen, hat SIGNA die Wirtschaftskanzlei Noerr aufgeboten. Was bisher dazu bekannt ist, steht in der SZ vom Wochenende. Frau Brigitta Michail braucht jetzt jede fachliche Unterstützung, die Unterstützung des Stadtrates und der Münchner Bevölkerung!


Zwei Leserbriefe an die SZ: Alte Akademie München als Prüfstein für die Politik – Flanierraum, geopfert auf dem Altar des Kommerzes

Interview des Münchner Forums mit Brigitta Michail in der Sendung auf Radio Lora: Alte Akademie und das Urheberrecht

Behauptung SIGNA/Noerr:
„Das Gutachten, das aus der angesehenen Wirtschaftskanzlei Noerr stammt, kommt nun zu dem Ergebnis, dass gewichtige Gründe für einen fehlenden Urheberrechtsschutz sprechen. Eine Kernaussage lautet, dass der schöpferische Gestaltungsspielraum für den Architekten „äußerst begrenzt“ gewesen sei.“ (SZ)

Zeitgenössischer Bericht:
„… Schließlich wurde im Baukunstausschuß des Landes der Beschluß gefasst, die Hauptfassade neben der Michaelskirche samt dem vorspringenden Teil in alter Art aufzubauen, für die Gestaltung des bis an die Kapellengasse anschließenden Teils aber freie Hand zu geben. Ein neuer Plan Wiedemanns, der dementsprechend den Wiederaufbau des vorspringenden Teiles im historischen Charakter und den Neubau des westlichen Teiles in unabhängiger Form vorsah, wurde in allen Ausschüssen gebilligt.“ In: Wiederaufbau der Alten Akademie (Wilhelminum) in München, Artikel von Walther Bertram in Deutsche Kunst und Denkmalpflege, 1953

Stadlhuber – Wien – München: „Wir sind Wiederholungstäter“

Das erste Großprojekt für SIGNA, das Christoph Stadlhuber (CEO der SIGNA Prime Selection AG) managte, war das „Goldene Quartier“ im Zentrum Wiens, günstig gekauft von BAWAG und Bank Austria zur Zeit der Bankenkrise. Zur österreichischen Bundesdenkmalamts-Präsidentin Barbara Neubauer wurde im Zuge des Projekts ein ganz nahes Verhältnis aufgebaut, wie es in diesem Interview mit selbstgestellten Fragen freudigen Ausdruck findet. Es wurde auf die Münchner SIGNA-Webseite gestellt, so als Vorbild für die Aktivitäten hier.

SIGNA: Der 1. Bezirk ist dank des GQ wahnsinnig belebt worden. War diese Investition folglich richtig?
Neubauer: Auf jeden Fall. Wien hat großes Potenzial, das dadurch weiterentwickelt werden konnte. Es ist immer schwierig, mehrere Objekte in mehreren Infrastrukturen unterbringen zu müssen, aber mit dem GQ konnte man im Großen denken, und einige Sünden aus der Vergangenheit wurden damit wieder in Ordnung gebracht ( l a c h t ).
SIGNA: Gibt es im Innenstadtbereich nun noch weitere Projekte, auf die man sich freuen darf?
Stadlhuber: Die SIGNA würde sicher wieder in solch ein Objekt investieren, denn wir sind Wiederholungstäter ( l a c h t ). Klar ist: Wir haben unseren Fokus auf Innenstadtlagen und somit auch auf historischen Objekten. Darin sind wir Experten, da machen wir weiter.  (ehemals auf SIGNA München)

Modell der Front zum Georg Coch-Platz im Museum Postsparkasse

Im Dezember 2013 (übrigens gleichzeitig wie die Alte Akademie) kaufte SIGNA von der BAWAG noch deren Hauptsitz, das weltbekannte, „legendäre“ Postsparkassengebäude von Otto Wagner (1905). Versprochen wurde eine langfristige Mietbindung und die Weiterführung als Bankzentrale unter Verantwortung der BAWAG für das Gebäude – außer dem Eigentümerwechsel sollte alles beim Alten bleiben. Doch nach kurzer Schamfrist, im Dezember 2016 – drei Jahre später, wird der Auszug der BAWAG bekannt gegeben. Und der Umzug in „The Icon Vienna“, das gerade am Hauptbahnhof gebaut wird und im Juli 2017 mit diesem festen Hauptmieter an die Allianz zu einem Super-Preis verkauft wurde. Perfekter Zeitplan, alles gut gemacht, die Kasse stimmt, Benko ist der Größte, die Fachwelt applaudiert.

Presse-falsch-Information (Link wurde auf der BAWAG-Webseite gelöscht)

Allerdings hat die BAWAG (Cerberus-Konzern) das Versprechen gebrochen und SIGNA hat das Versprechen gebrochen. Erst 2005 war das Gebäude zum 100jährigen Jubiläum unter großem Aufwand bis ins Detail „in Originalzustand“ versetzt worden; die besonders herausragenden Kassensäle wurden zum Museum. 2000 Angestellte arbeiten hier. Was in aller Welt passt nicht?

Die Schließung des Museums wurde bereits angekündigt

Die Postsparkasse hat das Potential zu profitabler Verwertung! Meint zumindest SIGNA. Ende Juni diesen Jahres lässt Hr. Stadlhuber die Katze aus dem Sack:

„Zum Beispiel wurden frühere Bankgebäude auch zu Repräsentationszwecken gebaut. Der repräsentative Charakter der alten Kassensäle lässt sich heute perfekt für ein Hotel umnutzen – wie beispielsweise beim Park Hyatt Vienna eindrucksvoll geschehen. Der große Kassensaal der ehemaligen Länderbankzentrale am Hof 2 ist nun ein luxuriös ausgestattetes Foyer und beherbergt ein beliebtes Restaurant mit einer gutbesuchten Bar – ein sehr gelungenes Beispiel für eine neue Nutzung. Ein weiteres, architektonisch wertvolles Bankgebäude ist die von Otto Wagner geplante Wiener Postsparkasse, für das gerade ein neues Nutzungskonzept entwickelt wird. Auch dort dominiert ein großer Kassensaal den Eingangsbereich.“ (Stadlhuber)

Das Postsparkassengebäude ist ein Meilenstein der Architekturgeschichte in einer der stärksten Phasen, im Übergang zur Moderne. Ein hoch zu schätzendes Erbe, keine Baustelle für Verbesserungsversuche oder zwanghaftes Hinterlassen neuer Zeitschichten; es ist für weitere Jahrzehnte renoviert worden, es gehört zur Stadt so wie es ist. Dieses Gebäude spricht für sich selbst, bitte schauen Sie es sich an, wenn Sie Gelegenheit haben, oder diesen Filmbeitrag oder informieren Sie sich über Bücher und Internet. Der Umbau in ein Hotel, eine Anpassung an die Erwartungen von luxusverwöhnten Gästen wäre reiner Vandalismus (Herr Stadlhuber wird das noch ein „Öffnen“ nennen). Und was tut der Investor, wenn das Volk die Entwickler gar stoppen wollte?

„Ein Problem bei der Wiederbelebung historisch wertvoller Gebäude sind auch die Debatten um den Denkmalschutz – was darf verändert werden und was muss erhalten bleiben? Hier können Uneinigkeiten in Bezug auf Detailfragen den gesamten Prozess um Jahre verzögern. Das schreckt viele Entwickler ab, das Risiko sich in die Länge ziehender öffentlicher Debatten und damit ein hohes Kostenrisiko ist zu groß. Aus diesem Grund müssen BürgerInnen aktiv in den Entwicklungsprozess eingebunden werden, um bei Vorhaben städtebaulicher Tragweite von Beginn an breite Akzeptanz zu erreichen.“ (ebenda)

Der Passus ist wohl Stadlhubers Münchner Problemerfahrung geschuldet (uns freuts), öffentlichkeitskosmetisch umgedreht. SIGNA wird den Teufel tun und „BürgerInnen aktiv einbinden“, wenn aufmüpfiges Volk beim Superreichwerden stört. Der Versuch einer stadlhuberischen Problemlösung ist in München zu beobachten: als Fake – passiv ist das SIGNA-aktiv: nicht Bürger-Beteiligung sondern Bürger-Manipulation mithilfe von Eventagenturen. Das Stichwort des Protests in München sind die Arkaden – Stadlhubers Strategie ist, von den Übergriffen zu schweigen und Unbedarften einen Gewinn vorzumachen, in diesem Fall die großspurige „Öffnung“ des Schmuckhofs (SIGNA-facebook).  Aus Partypeople, Freibiergenießern und Adabeis macht man sich ein angenehmes Volk, das sich amüsiert und Dankbarkeit zurück schenkt. Das läuft in München unter dem Aktions-Motto: „Früher war alles besser?“ – Wien, was blüht Dir?


„René Benko schnappt sich Jugendstil-Juwel“ – kurier
„Weg mit dem Familiensilber?“Wiener Zeitung
„Verkauf an Benko erregt viele Wiener!“heute
„Rettet die Postsparkasse“ – Wiener Zeitung
„Wo Entwickler Entwickeltes entwickeln“Die Presse
„Ausgeschlossene Gesellschaft“Die Presse
Requiem für ein Juwel“ – Die Zeit
„Architekturikone Postsparkasse in Gefahr“ – Vorarlberger Nachrichten


Die „äußere Erscheinung des Objektes“ – eine gängige Metapher der geschrumpften Denkmal(Investoren)pflege

Auf unsere Anfrage beim österreichischen Bundesdenkmalamt bekamen wir folgende Antwort:
Bezug nehmend auf Ihre Anfrage per e-mail vom 06.10.2017 in der Sie Ihrer Sorge um die Nutzungsveränderung des nach Plänen von Otto Wagner errichteten Gebäudes der Österreichischen Postsparkasse in 1010 Wien, Georg-Coch-Platz 2, Ausdruck verleihen, wird mitgeteilt, dass das Österreichische Denkmalschutzgesetz (DMSG) verständlicherweise keine Funktion oder Nutzung eines denkmalgeschützten Gebäudes determiniert. Der Schwerpunkt der gesetzlichen Möglichkeiten liegt eindeutig in der substanziellen Erhaltung der denkmalgeschützten Substanz sowie seiner äußeren Erscheinung. Wenngleich also keine rechtliche Möglichkeit des Bundesdenkmalamtes besteht, die historische Funktion des Gebäudes der Österreichischen Postsparkasse sicherzustellen, so liegt das Hauptaugenmerk der Denkmalpflege natürlich auf den sensiblen Umgang mit bestehender und künftiger Einrichtung, um der äußeren Erscheinung des Objektes – also auch der Kassenhalle – gerecht zu werden.

Mit freundlichen Grüßen
Dr. Barbara Neubauer


Im Mai 2018 bei der Eröffnung der „Post Otto Wagner“-Ausstellung im MAK:

Und Signa-Geschäftsführer Christoph Stadlhuber beteuerte, dass beim Umbau für die geplante Büronutzung („kein Hotel und keine Luxuswohnungen!“) eng mit dem Bundesdenkmalamt operiert und die Fassade, der Kassensaal und die Gouverneursebene unangetastet bleiben werde. Die Sicherstellung einer auch künftigen öffentlichen Zugänglichkeit des phänomenalen Kassensaals werde man „versuchen“. Salzburger Nachrichten

Wieder typisch: Beschwichtigen – den kleine Finger hinhalten – alles im Vagen lassen …

Eine Zukunft mit Kultur und Kooperativen – da muss SIGNA passen

Die AZ fragt in der Wochenendausgabe 15./16. Juli einige Persönlichkeiten, wie sie denn München im Jahr 2050 sähen. Stadtbaurätin Elisabeth Merk träumt in ihrer Antwort zuerst noch von dem „in der Sonne glitzernden neuen Hauptbahnhof mit Landmark“ – oje, der möge München bitte erspart bleiben. Doch dann reiben wir uns die Augen, positive Visionen aus der Sicht einer Metropolenphantastin:

„Der öffentliche Raum hat in München in den vergangenen 30 Jahren deutlich an Befürwortern gewonnen. Viele Plätze, die in der Vergangenheit als Parkplätze genutzt wurden, konnten für kulturelle Einrichtungen und neue genossenschaftliche Projekte zur Verfügung gestellt werden. So zum Beispiel der Sattlerplatz und die Alte Akademie, die nach Jahren des Investorenkampfes nun von Kooperativen geführt werden als offene kulturelle Begegnungszentren und als attraktive Coworkingspaces.“ (Abendzeitung)

All das ist gut und vernünftig! Ja!

Mit der Umsetzung von Visionen muss man bekanntlich sofort beginnen, nicht die Nachfolger und nicht erst ab 2045. In dieser Amtsperiode, im Jahr 2017 steht für die Alte Akademie die Entscheidung an. Noch hat sie die bestens geeigneten Räumlichkeiten, die auf Kultur, Begegnungszentren und „Coworking“ warten. Würde die Stadt München dagegen, so wie sie es bis vor kurzem folgsam vorbereitet hatte, dem derzeitigen Besitzer tatsächlich eine Baugenehmigung erteilen, wäre diese schöne Vision verpfuscht und aus der Alten Akademie wird dann ein vollkommen umgebauter und ziemlich unbrauchbarer Kommerztempel.

Die „Jahre des Investorenkampfes“ beenden

Wir kennen SIGNA als autoritär geführtes, intransparentes Immobilien/Handels-„Imperium“ zur ungehemmten Kapitalakkumulation – mit diesem Investor wäre des Mehr-Haben-Wollens und des Kampfes nie ein Ende. Genossenschaften und Kooperativen dagegen sind gemeinnützig, demokratisch aufgebaut und dienen den Bedürfnissen ihrer Mitglieder ohne Gewinnabsicht. Das bedeutet eine Kehrtwende: entweder wird SIGNA eine Genossenschaft oder SIGNA sollte sich zurückziehen um Kultur und Kooperativen Platz zu machen! So verstehen wir jetzt Frau Merk und, es haben alle das Recht, ihre Meinung und Praxis zu ändern und dafür die Wertschätzung der Stadtbevölkerung zu bekommen.

… und dann beginnt die Vision auszustrahlen und die Barrieren der Plackerei im Dienst der Wenigen zu überschreiten. Die Entscheidungen werden von den Geldmachern mehr und mehr direkt zu den Menschen an der Basis verlagert. Wirtschaftliche Freiheit in kooperativer Arbeit kann beginnen und neue Strukturen schaffen. Überall entstehen neue Genossenschaften; der Gedanke der gemeinschaftlichen Arbeit zum gemeinschaftlichen Nutzen ergreift die Münchner: Genossenschaften im Wohnungsbau, in den Gewerben, im Handel usw. Schließlich werden auch die Aktiengesellschaften in Genossenschaften für das Gemeinwohl umgestaltet. Die Arbeiter und Ingenieure bei BMW arbeiten nicht mehr für den Profit von Familienclans und entwickeln in einer Explosion von umweltbewusstem Erfindergeist die Lösungen für zukunftsfähige Mobilität; Bewohner und genossenschaftliche Baubetriebe zusammen heilen die Wunden des Immobilienbooms und schaffen grüne lebenswerte Wohnviertel …

Sie sagen nicht „wir wollen ein gutes altes Gebäude ausschlachten“, sondern fragen:

Dem Vorhaben ist ja erstmal Halt geboten. Wieweit das Urheberrecht heilsamen Einfluss auf die nächste Zukunft der Alten Akademie haben wird, ist – allerdings wachsam! – abzuwarten. So bleibt Gelegenheit, sich Gedanken über die Zeit zu machen. Hat doch der Herr Stadlhuber von SIGNA der Öffentlichkeit einfach mal ein abgedroschenes Schlagwort vor die Füße geschmissen. Er machte für SIGNA den Gründer der (Gegen-) Aktion „Früher war alles besser?“  Zitat: „Mit dem Slogan ‚Früher war alles besser?‘ will er Bedenken ausräumen, die Innenstadt könnte ihren Charakter beim Umbau der Alten Akademie verlieren.“

Womit der Beweis erbracht wurde: das Stellen dummer Fragen ist doch nicht unmöglich!

Die Frage kann man mit Nein beantworten wenn man will, was soll man schon drauf sagen, wenn kein Sinn da ist. Der von sich eingenommene Neuerer und getriebene Investor denkt sich hinzu: früher ist vorbei; was da ist, steht zu unserer Verfügung und wir sind sowieso die Besten. Aber so läuft es nicht.
Über die Zeit und ihre Zusammenhänge denken wir unabhängig davon öfters nach. Bauten und Städte sind in diesen Gedanken keine Immobilien, sondern Lebensumwelten und Manifestationen von Individuen und Gemeinschaften. Es gibt da nicht die Kategorien besser oder schlechter. Diese Begriffe taugen nicht; denken wir nur an Dichtung – Musik – oder eben Architektur. Wir staunen bei der Betrachtung jahrtausende- oder jahrhundertealter Bauwerke: religiöse Stätten, Siedlungen, selbst einfache Bauernhäuser lassen uns durch Ihre Gediegenheit, durch Proportion, Schmuck und Brauchbarkeit spüren, dass die Menschen vergangener Zeit uns oft etwas voraus gehabt haben müssen in der Meisterung der klassischen Ziele: Festigkeit, Nützlichkeit und Schönheit (Vitruv).
Was die Gegenwart leistet in punkto Größe, Wärmedämmung und sonstiger Optimierungen steht doch recht blass und aufgeblasen neben Stadthäusern, Scheunen oder den stattlichen Gebäuden der Gemeinschaft, die viele Lebensspannen gehalten haben und daneben auch noch schön sind. Neue Techniken und Materialien sind heute bestimmend und erlauben Gigantonomisches in jeder Richtung. Keine Schwarz-Weißmalerei: es gibt auch heute Gutes; dieses Wort hat sehr wohl Berechtigung. Als gut erscheint, was tätigen Geist ausstrahlt, was stimmigen Zusammenhang hat mit dem Leben der Menschen, was ihnen guten Dienst für guten Zweck leistet. Da gibt es Neues, aber was sollte St.Wolfgang in Obermenzing, Schloß Nymphenburg, das Alte Rathaus von München oder das Hofbräuhaus übertreffen können?
Z.B. das Hettlage-Haus von 1954: es ist etwas einfacher, nicht protzig und hat den gewissen Zauber eines Kaufhauses vor der Shopping-Ära, das durch reale Bedürfnisse und „normale“ Menschen geerdet war – der Aldi im Gewerbepark ist dagegen anspruchslose Güterabholhalle, im Luxusstore hat der Spaß ein Ende und das riesige Einkaufszentrum XY kann man sich schon als die greisliche Ruine vorstellen, die es in 25 Jahren sein wird. Es kommt immer auf vieles an, ob etwas „stimmt“ – aber nicht auf früher oder später, schon gar nicht auf das rücksichtslose Jetzt sind wir dran! von Gegenwartsprofiteuren.
Die Vergangenheit ist in uns, wir sind selbst zum größten Teil immer Vergangenheit und nur mit Glück und Umsicht auch gelingende Zukunft. Wir tun gut daran, uns die Erbauer bestehender Häuser als Zeitgenossen zu denken. Was machen schon ein paar Jahre aus? Nicht wir auf einer höheren Stufe und sie auf einer niedrigeren auf der Zeitachse. Wir tun gut zu fragen: was würden sie uns raten; wie sind sie auf ihre Lösungen gekommen? Wird, wenn wir sie abwerten und „verbessern“, die nächste Generation das auch so sehen? Wird sie stattdessen „zurück“greifen wollen und davon abgeschnitten sein, weil in irgendeinem vergangenen Heute die Vergangenheit weggeräumt worden ist?

Und die Alte Akademie? So wie sie jetzt dasteht ist sie ein Werk der 50er Jahre. Die Bewohner dieser Stadt hatten eine furchtbare Zeit überlebt, an der sie zum Teil mitschuldig waren. Es war eine schlechte Zeit noch immer und sie entschieden sich dafür, an dieser Stelle das Band zur Zeit vor der Katastrophe nicht durchzuschneiden. Weil sie fanden, dass der zerbombte Bau ein Teil von ihnen war, den sie nicht missen wollten. Diese so wertvolle Ecke des Stadtbildes wurde unter damals hohen Kosten wiederhergestellt. Josef Wiedemann fand die – oder sagen wir – eine Form, die eine angepasste Weiternutzung ermöglichte; in einer gelungenen Verbindung von Renaissance und der Bauart dieser Zeitphase. Wenn man darauf aufpasst, hält das noch hundert Jahre: solide, nicht aufdringlich, keineswegs störend, gewohnt, vielseitig nutzbar. Die die dort arbeiteten, fühlten sich wohl – die Stadt kann rundherum stolz darauf sein.
Nun ist die Zeit, in der der Kommerz mit seinen Nebeneffekten nicht mehr weit vom Kollaps entfernt ist. Er hat sich Stadt und Land angepasst bis auf kleine Reste: die letzte Vollstreckung der Alles-ist-Kommerz-Welt spielt sich auf als eroberischer Triumph über früher – besiegt und betrogen dabei ist in Wirklichkeit die Allgemeinheit: ist es doch weitherum klar, dass eine Wende weg vom Kommerz zum Bewahren lebensnotwendig ist. Zurück auf das Wesentliche auf der einen Seite und auf der anderen soziale Gleichheit und Freiheit. Aufhören, auf Kosten anderer zu leben. Aber das anzugehen wird schwer gemacht durch die Profitmacher, ihre Seifenblasen und ewiggestrigen Beifallklatscher. Zuallererst ist es ein Kampf der Ideen. Eine der dümmsten wäre die, das Schlechtmachen von früher als fortschrittlich mißzuverstehen.

(Zur Seite stand für diesen Text die Schrift „Die Revolution“ von Gustav Landauer, geschrieben 1907. Ein grandioses Geschichtsbuch!)