Was auch kommen mag, München ist ja so schön. Warten Sie ab, Sie werden es schon sehen

Seit kurzem läuft die Ausstellung „München weiterdenken – 125 Jahre Stadtentwicklung“ in der Rathausgalerie, präsentiert vom Referat für Bauordnung und Stadtplanung. Die ausgestellten Modelle sind sehr nützlich zur Anschauung – bei den Erläuterungen zieht sich eine rosarote Färbung durch. Die vielen negativen Auswirkungen des Verdichtens und Zubauens werden gnadenlos geschönt; es soll unbedingt der Eindruck erzeugt werden, das profitgetriebene, schluderhafte Ummodeln Münchens in eine „Luxus“stadt für wenige und einen Ort zunehmender Qual für viele hätte einen städteplanerischen Hintergrund …

Wir haben mal geschaut, wie über die Alte Akademie berichtet wird. Ganze drei Sätze: Der erste ist sicherlich richtig. Der zweite wäre richtig, wäre nicht das Wort „Erscheinungsbild“, das im Denkmalschutzgesetz nicht vorkommt. Dann wäre die Aufgabe beschrieben – die das Amt für Denkmalpflege allerdings nicht erfüllt, weil es sich auf die Seite des Verkäufers (des Staats) und des Investors gestellt hat. Der dritte Satz kann nur als schwacher Versuch behördlicher Satire aufgefasst werden, vielleicht ist er nur ratlos und gleichgültig. Die Bürger(innen) der Stadt werden zu „Passanten“ gemacht. Warum nicht gleich zu „Konsumenten“? Das war es dann schon.

Es wird nicht berichtet, dass die Stadt in der laufenden Auseinandersetzung etwa eine Position hätte und für diese kämpfen würde. Es wird nicht berichtet, warum das Projekt so umstritten ist und warum es seit über einem halben Jahr stockt. Es steht da nichts vom Verscherbeln durch Söder, nichts von einem verkorksten Architektenwettbewerb, vom fast vollzogenen Nachgeben des Stadtrats gegenüber SIGNA, nichts von der drohenden Zweckentfremdung eines kulturellen Erbes als Kommerzobjekt. Eine solch schwache Leistung hat die Sache selbst und München nicht verdient.


Die Ausstellung stellt eine mehr als gewagte Beziehung zum großen Münchner Architekten und Städteplaner Theodor Fischer her. Deshalb hier ein Ausschnitt aus einem Vortrag Theodor Fischers, den er 1928 gehalten hat.
Theodor Fischer war ein Neuerer, der das Überkommene achtete und dem Geist der Zeit nicht blind folgen wollte. Ein Mann der Bildung und der Ehrlichkeit, der auf den Verstand der Menschen und Fachleute baute und bereit war, Vertrauen zu schenken. Er hat für die Stadt viele prächtige Gebäude entworfen und die Stadterweiterung nach bestem Fachkönnen geplant. Er dachte und arbeitete für die Stadtgemeinschaft, nicht für die, die das Geld haben. Er setzte auf Takt und  künstlerischen Anstand – was er wohl zu den heutigen Zuständen sagen würde?

Altstadt und Neue Zeit

… zurück zum Gegenstand: Altstadt und Neue Zeit. Takt haben wir nötig und zum Takt muss die Denkmalpflege mahnen und, wenn es nicht anders geht, zwingen. Ich nannte es eingangs selbstverständlich, dass die Altstadt als Denkmal geschützt werde: ich deutete aber an, dass dies nicht durch Einbalsamierung geschehen dürfe und bekannte damit, dass ich die Aufgabe im Grund eigentlich für unlösbar halte. Unsicher und schwankend also wäre das Ergebnis. Das wird niemand überraschen, denn „von den verantwortlichen Führern der Denkmalpflege ist es längst anerkannt (ich berufe mich damit auf die Aussage eines solchen Führers), dass die beste und würdigste Erhaltung eines Kunstdenkmals die ist, die dem Denkmal am längsten den  l e b e n d i g e n  Gebrauch sichert.“ Das ist in der Altstadt nur möglich, indem diese sich ständig verändert. Wie sie sich verändert, hängt tatsächlich vom Takt, vom Geschmack derer ab, die die Veränderung hervorbringen. Das sind nun nicht nur die Architekten. Es ist ungerecht, diese allein für den Stand der Baukunst verantwortlich zu machen. Der Bauherr ist eine größere Macht und eine dritte ist die Behörde.

Der Bauherr als Erster, als Treibender, in Altstädten in der Regel der Geschäftsmann, verlangt die Erfüllung seiner Bedürfnisse: es ist die Zeit, die diese Bedürfnisse in unerquicklichem Zeitmaß sich ändern lässt und es ist die Zeit, die diese Bedürfnisse nicht nur sachlich bestimmt, sondern modisch und marktschreierisch sich überkugeln lässt. Gegen diesen Geist der Zeit anzugehen, verlange man nicht von dem Architekten allein, der leben will und der dienen soll. Die Behörde hat Gesetze gegeben für die Sicherheit derer, die in den Werken der Baumeister leben sollen, gute und notwendige und manche weniger gute und auch unnötige. Dass sie auf diesem Weg auch die Form bedenklich mitbestimmt, ist eine Angelegenheit, die anzurühren nicht überall willkommen sein wird. Es wird immer verkannt, wie sehr der Architekt da dienen muss. Soll nun auch eine künstlerische Polizeibehörde tätig sein, etwa ein Kunstrat für die Altstadt? Ich bin sehr im Zweifel, ob da allzuviel Gutes herauskommt. Der Architekt, durch Bauherrn, Baupolizei und Kunstrat eingeschränkt, wird eine ziemlich jämmerliche Figur darstellen. Sollte man ihm trotz vieler Sünden der Eitelkeit und des Nichtvermögens nicht zunächst einmal Vertrauen schenken?

Nichts verpflichtet so sehr wie Vertrauen. Anstand und Takt, nicht Formrezepte und Zierrat sind die Gegenstände unserer akademischen Lehre gewesen. Vielleicht geht der Same doch noch auf: Wäre man enttäuscht über diese gefühlsmäßige Vertröstung: erwartete man handwerksmäßige, aus der Erfahrung gewachsene Vorschläge? Gerade diese muss ich vermeiden, wenn ich nicht nur Maßnahmen vorschlagen will, die morgen überlebt sind. Nicht eben Formendinge können helfen, sondern tiefere Besinnung auf das Sittliche, das in der Frage liegt. Der künstlerische Anstand allein kann fördern. Sollen wir aber nach der Polizei rufen gegen Rüpel und Ichlinge, gegen die Sucht der Geschäftsleute, aufzufallen, sich zu spreizen im Stadtbild des Geschäftes wegen, gegen die Schwäche oder Eitelkeit des Architekten und gegen die krampfigen Neumodischen unter ihnen? Was hilft erzwungener Anstand? Ist das nicht ein Gegensatz in sich? Ist es nicht besser, wohl mit offenem Auge Wache haltend über das überkommene Kunstgut, aber doch zunächst Vertrauen zu schenken dem redlichen Streben der ernsten Neuerer? Denn mit dem Bekenntnis will ich schließen: Diese neue Baukunst in ihrem gesunden Kern scheint mir ihrem Wesen nach der guten alten näher zu stehen als die ganze Geschichtskunst.

(Damit nicht doch verwechselt wird: die am Ende benannte „neue Baukunst“ ist die der Zwanziger Jahre oder allgemeiner des Anfangs des 20. Jahrhunderts.) aus: Theodor Fischer, Gegenwartsfragen künstlerischer Kultur, München, 1947

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