Sie sagen nicht „wir wollen ein gutes altes Gebäude ausschlachten“, sondern fragen:

Dem Vorhaben ist ja erstmal Halt geboten. Wieweit das Urheberrecht heilsamen Einfluss auf die nächste Zukunft der Alten Akademie haben wird, ist – allerdings wachsam! – abzuwarten. So bleibt Gelegenheit, sich Gedanken über die Zeit zu machen. Hat doch der Herr Stadlhuber von SIGNA der Öffentlichkeit einfach mal ein abgedroschenes Schlagwort vor die Füße geschmissen. Er machte für SIGNA den Gründer der (Gegen-) Aktion „Früher war alles besser?“  Zitat: „Mit dem Slogan ‚Früher war alles besser?‘ will er Bedenken ausräumen, die Innenstadt könnte ihren Charakter beim Umbau der Alten Akademie verlieren.“

Womit der Beweis erbracht wurde: das Stellen dummer Fragen ist doch nicht unmöglich!

Die Frage kann man mit Nein beantworten wenn man will, was soll man schon drauf sagen, wenn kein Sinn da ist. Der von sich eingenommene Neuerer und getriebene Investor denkt sich hinzu: früher ist vorbei; was da ist, steht zu unserer Verfügung und wir sind sowieso die Besten. Aber so läuft es nicht.
Über die Zeit und ihre Zusammenhänge denken wir unabhängig davon öfters nach. Bauten und Städte sind in diesen Gedanken keine Immobilien, sondern Lebensumwelten und Manifestationen von Individuen und Gemeinschaften. Es gibt da nicht die Kategorien besser oder schlechter. Diese Begriffe taugen nicht; denken wir nur an Dichtung – Musik – oder eben Architektur. Wir staunen bei der Betrachtung jahrtausende- oder jahrhundertealter Bauwerke: religiöse Stätten, Siedlungen, selbst einfache Bauernhäuser lassen uns durch Ihre Gediegenheit, durch Proportion, Schmuck und Brauchbarkeit spüren, dass die Menschen vergangener Zeit uns oft etwas voraus gehabt haben müssen in der Meisterung der klassischen Ziele: Festigkeit, Nützlichkeit und Schönheit (Vitruv).
Was die Gegenwart leistet in punkto Größe, Wärmedämmung und sonstiger Optimierungen steht doch recht blass und aufgeblasen neben Stadthäusern, Scheunen oder den stattlichen Gebäuden der Gemeinschaft, die viele Lebensspannen gehalten haben und daneben auch noch schön sind. Neue Techniken und Materialien sind heute bestimmend und erlauben Gigantonomisches in jeder Richtung. Keine Schwarz-Weißmalerei: es gibt auch heute Gutes; dieses Wort hat sehr wohl Berechtigung. Als gut erscheint, was tätigen Geist ausstrahlt, was stimmigen Zusammenhang hat mit dem Leben der Menschen, was ihnen guten Dienst für guten Zweck leistet. Da gibt es Neues, aber was sollte St.Wolfgang in Obermenzing, Schloß Nymphenburg, das Alte Rathaus von München oder das Hofbräuhaus übertreffen können?
Z.B. das Hettlage-Haus von 1954: es ist etwas einfacher, nicht protzig und hat den gewissen Zauber eines Kaufhauses vor der Shopping-Ära, das durch reale Bedürfnisse und „normale“ Menschen geerdet war – der Aldi im Gewerbepark ist dagegen anspruchslose Güterabholhalle, im Luxusstore hat der Spaß ein Ende und das riesige Einkaufszentrum XY kann man sich schon als die greisliche Ruine vorstellen, die es in 25 Jahren sein wird. Es kommt immer auf vieles an, ob etwas „stimmt“ – aber nicht auf früher oder später, schon gar nicht auf das rücksichtslose Jetzt sind wir dran! von Gegenwartsprofiteuren.
Die Vergangenheit ist in uns, wir sind selbst zum größten Teil immer Vergangenheit und nur mit Glück und Umsicht auch gelingende Zukunft. Wir tun gut daran, uns die Erbauer bestehender Häuser als Zeitgenossen zu denken. Was machen schon ein paar Jahre aus? Nicht wir auf einer höheren Stufe und sie auf einer niedrigeren auf der Zeitachse. Wir tun gut zu fragen: was würden sie uns raten; wie sind sie auf ihre Lösungen gekommen? Wird, wenn wir sie abwerten und „verbessern“, die nächste Generation das auch so sehen? Wird sie stattdessen „zurück“greifen wollen und davon abgeschnitten sein, weil in irgendeinem vergangenen Heute die Vergangenheit weggeräumt worden ist?

Und die Alte Akademie? So wie sie jetzt dasteht ist sie ein Werk der 50er Jahre. Die Bewohner dieser Stadt hatten eine furchtbare Zeit überlebt, an der sie zum Teil mitschuldig waren. Es war eine schlechte Zeit noch immer und sie entschieden sich dafür, an dieser Stelle das Band zur Zeit vor der Katastrophe nicht durchzuschneiden. Weil sie fanden, dass der zerbombte Bau ein Teil von ihnen war, den sie nicht missen wollten. Diese so wertvolle Ecke des Stadtbildes wurde unter damals hohen Kosten wiederhergestellt. Josef Wiedemann fand die – oder sagen wir – eine Form, die eine angepasste Weiternutzung ermöglichte; in einer gelungenen Verbindung von Renaissance und der Bauart dieser Zeitphase. Wenn man darauf aufpasst, hält das noch hundert Jahre: solide, nicht aufdringlich, keineswegs störend, gewohnt, vielseitig nutzbar. Die die dort arbeiteten, fühlten sich wohl – die Stadt kann rundherum stolz darauf sein.
Nun ist die Zeit, in der der Kommerz mit seinen Nebeneffekten nicht mehr weit vom Kollaps entfernt ist. Er hat sich Stadt und Land angepasst bis auf kleine Reste: die letzte Vollstreckung der Alles-ist-Kommerz-Welt spielt sich auf als eroberischer Triumph über früher – besiegt und betrogen dabei ist in Wirklichkeit die Allgemeinheit: ist es doch weitherum klar, dass eine Wende weg vom Kommerz zum Bewahren lebensnotwendig ist. Zurück auf das Wesentliche auf der einen Seite und auf der anderen soziale Gleichheit und Freiheit. Aufhören, auf Kosten anderer zu leben. Aber das anzugehen wird schwer gemacht durch die Profitmacher, ihre Seifenblasen und ewiggestrigen Beifallklatscher. Zuallererst ist es ein Kampf der Ideen. Eine der dümmsten wäre die, das Schlechtmachen von früher als fortschrittlich mißzuverstehen.

(Zur Seite stand für diesen Text die Schrift „Die Revolution“ von Gustav Landauer, geschrieben 1907. Ein grandioses Geschichtsbuch!)

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