1990 wäre Chipperfields Verschönerungsaktion sofort zerlegt worden

Am 12. Februar 1990 druckte die Süddeutsche Zeitung eine ganze Seite zur Zukunft des Hauses der Kunst. Mit Beiträgen von Gottfried Knapp, Christoph Hackelsberger, Alf Lechner und Josef Wiedemann. Wenn Sie auf das Bild klicken, wird die Seite lesbar. Christoph Hackelsberger konnte sich nur vorstellen, in der Ex-Ehrenhalle entsprechende Werke aus der Nazizeit zur Abschreckung auszustellen, Alf Lechner war dafür, den Bau als „Fossil“ stehen zu lassen, Gottfried Knapp berichtete, dass die Architekten vom Haus der Kunst die Nase voll haben: „… geschockt vom Lehrbeispiel Hofgarten, wo auch ein Architektur-Relikt umhäkelt werden musste, warnen sie vor jeder architektonischen Annäherung an den Bau.“ Wir nehmen den Beitrag Josef Wiedemanns heraus:

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Dazu im Kontrast ist folgender Artikel der SZ vom 3. Januar 2014 des Nachlesens wert: Laura Weißmüller interviewt David Chipperfield und Okwui Enwezor Ich schätze die Klarheit dieser Räume“.

Vorher noch zum Zusammenhang: Unter Minister Heubisch wurde im September 2013 nach einem Wettbewerbsverfahren an der Öffentlichkeit vorbei David Chipperfield mit der Planung der Sanierung beauftragt. Bald darauf dieses erstaunliche Interview. Vor zwei Monaten im September 2016 stellte Chipperfield seine Vorstellungen auf einer Veranstaltung identisch wieder vor. Die Zeit hat nichts gebracht, Unterschied ist allein, dass Chipperfield 2016 einige Computerdarstellungen mitbringt. Der Masterplan soll fertig sein, er wird aber noch zurückgehalten.
Direktor des Hauses der Kunst damals wie in den nächsten fünf Jahren ist Okwui Enwezor. Herr Heubisch wechselte vom Ministeramt in den Vorsitz der Freunde des Hauses der Kunst und zuständiger Minister ist jetzt Ludwig Spaenle. (Nebenbei: als FDP-Stadtrat in der Jury beim Architektenwettbewerb über die Alte Akademie traf Herr Heubisch wieder auf Herrn Chipperfield und stimmte in seinem Sinne.)

Das Interview ist (nicht sinnentstellend) gekürzt. Um es ganz zu lesen, kann man den Artikel kostenfrei über das SZ-Online-Archiv selber laden.

SZ: Wie würden Sie die Architektur des Hauses der Kunst beschreiben?
ChipperfieldEs ist ein starkes Gebäude seiner Zeit. Ich schätze die Klarheit seiner Räume.
SZ: Mögen Sie es?
ChipperfieldJa. Es hat einen unglaublichen Charakter. Der Charakter wurde immer mit der Geschichte des Hauses durcheinandergebracht. Die Organisation der Räume ist extrem klar und die Räume selbst überzeugen sehr. Für Kunstausstellungen sind sie großartig. Das ist auch der Grund, warum es sie heute überhaupt noch gibt. (…)
SZ: Nach all dem, was sich im Haus der Kunst unter den Nationalsozialisten abgespielt hat?
ChipperfieldEs gibt einen Spruch: Egal was vorher war, es sind immer noch Steine und Holz.
SZ: Also kann ein Gebäude niemals schuldig sein.
ChipperfieldEs trägt Erinnerungen und Geschichte in sich. Das ist ja das Interessante an Architektur. Wir projizieren etwas auf ein Gebäude. Aber wir müssen die Gebäude auch unabhängig davon sehen.
SZ: Als das Haus der Kunst gebaut wurde, spielte es eine große Rolle in der NS-Propaganda. Wie wichtig ist es, das den Besuchern von heute klarzumachen?
ChipperfieldIch glaube, man muss das den Besuchern nicht klarmachen. Man darf es nur nicht verstecken. Dieses Gebäude hat eine Geschichte. Das ist Teil seiner Faszination, und man sollte sie erzählen. Wir machen gerade den Schritt von Erinnerung hin zu Geschichte. Das ist ein Prozess. Wenn wir zum Kolosseum gehen, denken wir auch nicht daran, was dort passiert ist. (…)
SZ: Wo wird das die Sanierung sichtbar machen?   
ChipperfieldInteressanterweise sind die Ausstellungsräume ja die unschuldigsten. Problematisch sind die Außenfassade und die Eingangshalle. Das sind die Orte, wo die Architektur am lautesten spricht. Sobald man in die Ausstellungsräume geht, sind das ziemlich klassisch orientierte Museumsräume. (…)
SZ: Was werden Sie daran verändern?
ChipperfieldWir nehmen alle Säulen weg ( lacht ). Der wichtigste Punkt wird sein, dass das Gebäude in den letzten 60 Jahren eine gestörte Verbindung zur Stadt hatte. In gewisser Weise gab es den Versuch, das Haus der Kunst zu verstecken. Man veranstaltete eine Camouflage fast wie im Krieg, in dem man das Haus ja auch versteckte, damit es nicht zerstört werden konnte. Die wichtigen Fragen zielen nun alle darauf, ob die Camouflage heute noch notwendig ist und ob das Gebäude nicht wieder eine Rolle in der Stadt spielen darf. (…)
Die Räume selbst sind tatsächlich so gut, wie man sie nur bekommen kann, aber die Fassade, die Erinnerung des Gebäudes und der Haupteingang tragen eine andere Sprache.
SZ: München wird also nach der Sanierung ein sehr schönes Museum zurückbekommen?
ChipperfieldAbsolut.

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Der Fehler im Herangehen von Herrn Chipperfield ist sicher für alle Leser auffallend: Seine Bewunderung für die Ausstellungsräume überwältigt ihn (hierbei möge ihm folgen, wer das will) – doch in der Tat: „problematisch sind die Außenfassade und die Eingangshalle“ (Eingangshalle = ehemalige „Ehrenhalle“). Für das „Problem“ hat er zweieinhalb Jahre später dieselbe Nicht-Lösung mitgebracht: die Wieder-in-Pracht-Setzung eines Mahnmals des Größenwahns. Das Ergebnis soll dann ein „sehr schönes Museum“ werden, aber selbst mit Goldfarbe ginge das Problem nicht weg. Wenn man es zu ignorieren versucht, wird alles nur noch schlimmer. Mit seinem Simpl-Spruch „egal was vorher war, es sind immer noch Steine und Holz“ hat Herr Chipperfield die Herausforderung, die gerade dieser Bau darstellt, einfach nicht erfasst: Ein Stein ist wohl nur ein Stein, aber viele Steine zusammen sprechen!

Gebäude reden – und dies über Themen, die wir ohne weiteres verstehen können. Sie reden von Demokratie und Aristokratie, Offenheit und Arroganz, von Bedrohung und freundlichem Willkommen, von Sympathie für die Zukunft oder Sehnsucht nach dem Vergangenen.
Alain de Botton, Glück und Architektur

Vor allem: Wie kann es sein, dass ein kleiner Kreis in der Millionenstadt München daran basteln kann, sich den Traum von einem für sie schönen Liebhabermuseum zu erfüllen, noch dazu mit Steuergeldern? Es wurde ein reiner Architekturwettbewerb ohne Beteiligung oder Information der Bevölkerung veranstaltet, als wäre hier ein x-beliebiges Gebäude zu verwalten. Ohne dass man sich in Erinnerung ruft, was Leute mit Ahnung, persönlichen Erfahrungen und Engagement zu diesem leidigen Bau über die Jahrzehnte eingebracht haben! Man wartet einfach so lange, könnte man sagen, bis das Thema und der Widerspruch verschwunden sind. Soll es etwa aus dem Augenblick heraus von Menschen gelöst werden, die der Meinung sind, dass die alten Geschichten schon lange zurückliegen? Es ist eine Auseinandersetzung, die in der Stadt München geführt werden muss und die keinem Einzelnen, und wäre es wirklich der beste Architekt, übertragen werden kann! Hier geht es zuerst nicht um Architektur und Sanieren, sondern darum, wie die Stadtgesellschaft Münchens ihre Stadt und ihre Bauten sehen und bewerten will, welchen Sinn oder Unsinn wir vor Augen haben wollen – oder gibt es in München nur noch atomisierte Lebewesen, die sich um alles mögliche kümmern, nur nicht um das Gemeinsame?
Und das ist hier ganz dasselbe wie bei der Alten Akademie.


Nachtrag: Von 1990 bis Mai 1994 war das Haus der Kunst viereinhalb Jahre geschlossen. Nach Jahrzehnten als „Gebrauchshaus“ und entsprechend seiner geringen Wertschätzung in der Öffentlichkeit wurde dem Haus nur eine bestandserhaltende Renovierung zugebilligt. Zeitquelle


Nachtrag: Am 11. Dezember knüpft die SZ wieder an 1990 an:
„Als das Haus der Kunst in den späten Achtzigerjahren saniert werden musste, flammte die Diskussion wieder auf. Die Süddeutsche Zeitung führte eine leidenschaftliche Debatte: Die Meinungen reichten vom Abriss über einen Anbau bis zum Erhalt. Schließlich waren es die Direktoren des Hauses, die einen kritischen Rückbau im Inneren betrieben, die NS-Geschichte erforschen ließen und Künstler baten, die Fassade zu verwandeln. Jetzt muss wieder saniert werden.
Nun wünschen sich der aktuelle Direktor Okwui Enwezor, Kultusminister Ludwig Spaenle und der Architekt David Chipperfield einen radikalen Rückbau in den Urzustand mit wenigen Abweichungen (…).  Aber was wollen die Münchner? Die Debatte ist eröffnet.“

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Nehmt Chipperfield in München Axt und Spitzhacke weg!

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Benkos Architekt hat hier in München gerade schon einen Auftrag abgewickelt: Unter seiner Schirmherrschaft wurde mit der Stadt München ausgehandelt, die Alte Akademie im Inneren mit der Ausstattung des Wiederaufbaus in den 50ern durch Josef Wiedemann weitgehend zu zerstören – um es für Kommerz und Profitmache verwendbar zu machen. Ein historisch wertvolles Bauensemble, das alle, die es kennen, für schutzwürdig halten.

Jetzt langt er an ein historisch weniger achtbares Gebäude, das es wohl verdient hätte, im Krieg Bombenschutt zu werden, wären dafür andere Gebäude erhalten geblieben. Das Haus der Deutschen Kunst von 1933/37, für das die deutschen Industriellen (v. Finck*, Flick, Siemens …) kurz nach der Machtübergabe an Adolf Hitler Geld gesammelt hatten, um es dem Führer zum Geschenk zu machen.

Die kunsthistorische Expertise im Architekturführer München / Oberbayern (Braun Publishing):

„Das Haus der Kunst zeigt bereits die wesentlichen Elemente nationalsozialistischer Präsentationsbauten. Es entstand ein mit Haustein verkleideter Stahlbetonbau, der die formalen Elemente des Klassizismus in Zahl und Form reduzierte, vergröberte und vergrößerte und schier endlos wiederholte. Die formale Härte, schmucklose Monumentalität und gleichförmige Reihung sollen dem Passanten das Gefühl von der eigenen Unbedeutsamkeit vermitteln und die vermeintlich riesigen Steine spiegeln eine handwerklich-materielle Solidität vor, sind jedoch nur Oberfläche auf dem Betonkern. Der hier gezeigte Formenkanon wurde typisch für die Selbstdarstellung des Hitlerregimes.“

Denkmalschutz verkehrt: Kein Aufwärmen teutscher Anti-Kunst von vorgestern!

Es war womöglich richtig, den Bau nicht abzureißen, was ja ernsthaft diskutiert wurde. Aber auf jeden Fall war es vollkommen richtig, eine Baumreihe davor zu pflanzen, als gewissen Sichtschutz und als Zurücknahme seiner Bedeutung. Genauso war es richtig, die anderen Museen mehr zu fördern als gerade dieses und Industrielle, Freundeskreis und Schörghubers dafür spenden zu lassen. Und es ist auch nicht schlimm, dass das Haus seit Jahren dahindümpelt.

Für die Sanierung wird jetzt viel Steuergeld bereitgelegt und ausgerechnet ein Architekt verpflichtet, dessen Kreativität auch ins schmucklos Monumentale und Reduzierte geht. Sollte ein Statement der Dummheit der Nazis und ihrer Kulturbarbarei durch Chipperfields Hand eine unschuldige Ikone der Architektur werden können? Dazu müsste man viel vergessen können und sehr von sich eingenommen sein. Dieser Bau ist in demokratischem Geist nur dann weiter als Museum zu nutzen, wenn man ihm den Respekt verweigert. Dieses Haus ist keine Perle der Architektur und ein Klotz, der den Wahn einer Anti-Kultur verbildlicht, wird immer Schwierigkeiten haben, ein Haus der Kunst zu sein. Der irre Vorschlag, die Bäume rundherum abzusägen, ist nicht nur ein Frevel gegen das Grün der Stadt. Es ist eine Unverschämtheit und Anmaßung gegenüber Überlegungen, die vor Jahrzehnten mehr Verstand und Geschichtsbewusstsein zeigten. Vielleicht gelänge es Chipperfield, die bedrückende Ausstrahlung des Gebäudes noch reaktionär-modern zu akzentuieren. Seine nun vorgestellte erste Idee lässt nichts Gutes ahnen.

Lasst die Bäume wachsen und alt werden!

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Gardone (können Sie kaufen) – Berlin – Zürich (nicht gebaut) – Paris – London – Marburg
Das Gebäude in der Mitte ist von Paul Ludwig Troost


*) Bei der Einweihung des Hauses der Deutschen Kunst, 18. Juni 1937:
Adolf Hitler (li.) und Bankier August von Finck (1898-1980) (re.)

18-juni1937

Grauenvoll …
August v. Fincks Weste wurde bald nach 1945 wieder weiß gewaschen.
Mit dem Haus der Deutschen Kunst sollte es nicht noch einmal gelingen.


Unliebsames Erbe oder „den Blick auf die Ursprünge freilegen“?

Rückblende zu Josef Wiedemann, dem Architekten der Alten Akademie, denn kurz nach deren Fertigstellung wurde nach seinen Plänen die „Ehrenhalle“ im Haus der Kunst verändert:

Zitat von der Webseite des Haus der Kunst:
„Als in den 1950er-Jahren mit dem Einzug der Moderne das Gebäude als „entnazifiziert“ galt, nahm man im Inneren bauliche Veränderungen vor, die die Erinnerung an das unliebsame Erbe verschwinden lassen sollten. Zu diesem Zweck wurde 1956 ein Wettbewerb zwischen den Münchner Architekten Josef Wiedemann, Ernst Hürlimann und Max Ott ausgeschrieben. Wiedemann, der den Zuschlag erhielt, setzte auf eine ebenso sparsame wie symbolträchtige Lösung: eine „Neutralisierung“ durch die Farbe Weiß. So wurden die rote Marmorverkleidung der Säulen und Türrahmen weiß übertüncht, eingezogene Wände und Decken – und zeitweise Vorhänge aus weißem Nessel – verwandelten die monumentale Halle in einen multifunktionalen Raum.
Diese nachträglichen Veränderungen wurden in den 1990er-Jahren, vor allem aber seit 2003 im Rahmen des „Kritischen Rückbaus“ sukzessive rückgängig gemacht, um den Blick auf die Ursprünge freizulegen und eine offene Auseinandersetzung mit dem Raum und seiner Geschichte zu ermöglichen.“

Genau hier, in der Tendenz dieser Zeilen, liegt der Kern der Frage, die ausdiskutiert werden muss: Ist es ein „Verdrängen“, wenn eine zentrale ehemalige Kulthalle, die man kulturell nützen will, von der NS-Brumpftigkeit befreit wird? Oder soll es ein „sich der Geschichte und den Ursprüngen stellen“ sein, wenn man es wieder so haben will, wie es die Nazis für sich gebaut haben? Kann Kunst überhaupt mit dieser Architektur koexistieren oder sogar ihre Kontaminierung aufheben, wie gesagt wird? Provisorisch vielleicht schlecht und recht, aber nicht mehr, wenn dieser Bau – sozusagen wertfrei (was es nicht gibt) – bei einer Sanierung mit Ansage in die Nazizeit zurückgestylt würde.