Der sich stetig weiter öffnende Schlund

Zum Bild: Rechts Stadtbaurätin Elisabeth Merk, die die diesjährige digitale Jahresausstellung ihres Referats „Die nachhaltige Stadt“ präsentiert. Links Lewis Mumford († 1990), amerikanischer Wissenschaftler und Verfasser von Standardwerken über Geschichte und Zukunft der Stadt.

Problem lösen durch Verschärfung des Problems – wenn man es so macht, hat man natürlich kein Problem!

Die Ausstellung propagiert ein „Weiter so“ in der Metropolisierung Münchens und legt in schönfärberischer Weise anheim, dass dies nachhaltig geschehen würde und alles auf bestem Wege hin zur Vervollkommnung unserer Zivilisation sei. Bilden Sie sich bitte eine eigene Meinung!
Nach der Überschrift „Stadt ist die Lösung, nicht das Problem“ geht es z.B. so weiter: „Dichte ist gut für die Ökobilanz. Stadtleben ist nachhaltig. In der Stadt werden alle Bedürfnisse des täglichen Lebens auf engem Raum erfüllt, das spart Ressourcen und Schadstoffe. Wer dort wohnt, arbeitet, einkauft und seine Freizeit gestaltet, setzt Pendlerströmen, Flächenverbrauch und der Zersiedelung der Landschaft etwas entgegen. Ja, Dichte ist gut für die Ökobilanz!“ Überzeugt das? Ist das Lob des engen Raumes Rechtfertigung der – in der Realität – grenzenlosen Expansion der Stadt bei nicht wachsender Bevölkerung, Überkonsum und einem Notstand der Natur?

Wir wollen an dieser Stelle eine kraftvolle Meinung einbringen: eine Passage aus „Die Stadt“ von Lewis Mumford, erschienen 1961, deutsch in der Reihe dtv Wissenschaft (S. 636).

Die Gestalt der Metropole ist also ihre Gestaltlosigkeit, wie auch ihr Ziel die ziellose Expansion ist. Wer sich innerhalb der ideologischen Schranken dieses Regimes betätigt, hat von einer Verbesserung nur quantitative Vorstellungen und versucht, die Gebäude höher, die Straßen breiter und die Parkplätze geräumiger zu machen. Er möchte Brücken, Landstraßen und Tunnel vervielfachen und die Einfahrt und Ausfahrt immer mehr erleichtern, beschränkt dadurch jedoch den Raum im innern der Stadt, der für irgendwelche anderen Zwecke als für den Verkehr zur Verfügung stehen sollte. Frank Lloyd Wrights Vorschlag, einen anderthalb Kilometer hohen Wolkenkratzer zu bauen, führte schließlich diese ganze Theorie der städtebaulichen Entwicklung ad absurdum. Zuletzt käme in einer solchen Stadt ein Hektar bebauter Fläche auf fünf Quadratkilometer Schnellstraßen und Parkplätze. An vielen Stellen ist dieses Ziel bald erreicht.

Wenn das Leiden und seine Heilmittel nicht mehr deutlich voneinander zu unterscheiden sind, kann man annehmen, dass es sich um einen tief eingewurzelten Prozess handelt. Eine expansive Wirtschaft, die nicht der Befriedigung von Lebensnotwendigkeiten dient sondern dem Gewinnstreben, muss natürlich ein neues Leitbild der Stadt schaffen: den ewig offenen und sich stetig weiter öffnenden Schlund, der dem Druck einer unablässigen Werbung gehorcht und die Auswürfe einer wachsenden industriellen und landwirtschaftlichen Erzeugung verschlingt. Vor zweihundert Jahren ließ sich die Notwendigkeit einer solchen Wirtschaft nicht abstreiten, und in vielen Fällen aus Armut notleidenden Ländern besteht dieses Bedürfnis heute noch, um die schlimmste Not der Bevölkerung lindern zu können. In den westlichen Ländern aber und zumal in den Vereinigten Staaten ist das Mangelproblem – abgesehen von der Befriedigung organischer Bedürfnisse – nur gelöst worden, um mindestens ebenso beunruhigende Problem zu schaffen: Überdruss und Übersättigung. Daher ist heute die Expansion zum Selbstzweck geworden; um sie zu ermöglichen, greifen die Herren dieser Gesellschaft zu jeder Form von Pyramidenbau.

Ist nämlich eine Wirtschaft erst einmal auf Expansion eingestellt, so werden die Mittel bald zum Zweck und „die Wanderung wird zum Ziel“. Noch bedauerlicher ist, dass die Industrien, die von solcher Expansion begünstigt werden, ihren Ausstoß nur halten können, wenn sie Waren herstellen, die entweder ihrer Natur nach rasch verbraucht oder so lumpig hergestellt sind, dass sie bald ersetzt werden müssen. Durch Mode und innewohnende Überalterung hebt eine auf maschineller Produktion beruhende Wirtschaft, anstatt Freizeit und dauerhaften Wohlstand zu schaffen, durch ständig wachsenden, befohlenen Konsum sich selber auf.

Nach demselben Gesetz verfällt die Stadt selber dem Verbrauch. Der Behälter muss sich ebenso rasch ändern wie der Inhalt. Dieser Imperativ untergräbt aber eine der wichtigsten Funktionen der Stadt als Faktor menschlicher Beständigkeit. Das lebende Gedächtnis der Stadt, das einstmals Generationen und Jahrhunderte miteinander verband, verschwindet; ihre Einwohner leben in einem einzigen vernichtenden Von-Augenblick-zu-Augenblick. Selbst der ärmste Wilde der Steinzeit hat niemals in einem so verkommenen und demoralisierten Gemeinwesen gelebt.

Eine starke Stimme für das Umdenken auf der Konferenz „Berlin questions“ (… leider oder natürlich nicht München)
Interview mit Charlotte Malterre-Barthes in der Bauwelt

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