Danke an das Investigationsteam, danke an die SZ für diesen kleinen Blick ins Dunkle! Es kann nur der Anfang sein für weitere Aufklärung. Denn es gibt viele Fragen, die sich allein aus diesem Artikel ergeben.
Wir fragen an zwei Stellen weiter.
♠ Der Artikel zählt drei Objekte von Benko in München, deren Spur nach Luxemburg führt. Benannt wird einzig die Alte Akademie. Wir haben uns (mit unseren einfachen Mitteln) eine bezahlte Firmenauskunft über München, Alte Akademie I Beteiligung A Sàrl geholt. Sie sagt, dass diese Beteiligungsfirma rechtzeitig vor Abschluss des Erbpachtvertrags mit dem bayrischen Finanzministerium (Minister war damals Markus Söder) im Juni 2013 gegründet wurde.
Wollte das Ministerium nicht wissen, wer da mit im Boot sitzt?
Zum damaligen Zeitraum war Beny Steinmetz Benkos Geldgeber in einer großen Aufkaufkampagne (Karstadt, KaDeWe, Alte Akademie…). Steinmetz wurde gerade vor wenigen Wochen in der Schweiz wegen Bestechung zu fünf Jahren Haft verurteilt. Bestechung zur Erlangung des weltgrößten Eisenerzvorkommens in Guinea mit anschließendem Weiterverkauf. Auch das in diesem Zeitraum.
War Beny Steinmetz mit schmutzigem Geld am Erbpachtkauf der Alten Akademie beteiligt?
Benko hat sich danach von Steinmetz getrennt (was aber auch bezweifelt wird).
Wer ist heute über Luxemburg an der Alten Akademie beteiligt?
Die Firmenauskunft gibt dieses Geheimnis nicht preis, aber die SZ könnte es wissen … oder die Stadtsparkasse München, die als Kreditgeber für den „Umbau“ der Alten Akademie eingestiegen ist … oder OB Reiter, der mit Benko den Abschluss gemacht hat, wenn er es denn wissen wollte?

♠ Von einem weiteren angeführten Objekt Benkos in München wird geschrieben, dass es eine Karstadt-Immobilie sei. Der Karstadt am Hauptbahnhof? Von dieser Immobilie flossen also 2018 und 2019 jeweils knappe 13 Millionen Euro nach Luxemburg. Dieser Betrag dürfte die Lohnsumme aller im Haus Beschäftigten übersteigen!
Wer ist über Luxemburg steuerfrei an dieser Karstadt-Immobilie beteiligt? Für wessen Konto schuftet die Karstadt-Belegschaft noch?
Im Rahmen der Karstadt/Kaufhof Insolvenz letztes Jahr wurden die Gläubiger (Belegschaft, Vermieter, Lieferanten…) um über zwei Milliarden geschröpft. Die Anschlußfrage wäre nun:
Wieviel hat die Luxemburger Beteiligung 2020 aus der Karstadt-Immobilie heraus gezogen?

Auch andere Fragen stellen sich, die in Richtung der Machtbeziehungen in dieser kapitalistischen Gesellschaft gehen. Wer steht auf der Gehaltsliste? Wer lässt die Dinge laufen? Wenn z.B. der gewählte Repräsentant der Münchner Bevölkerung zitiert wird: „Ihm gehört die halbe Innenstadt, und wir können es nicht aufhalten.“ Was halten Sie davon?

Cornelius Castoriadis brachte es vielleicht auf den Punkt, als er von einer liberalen Oligarchie sprach. Persönliche Freiheiten gibt es – doch es herrschen die Oligarchen. Bis zu einer wirklichen Demokratie fehlt demnach noch ein ganzes Stück …

Am Rande noch, wer erinnert sich an diesen wunderbaren Song von Funny van Dannen?
Steuerflüchtling – mit dem Refrain:
Geh jetzt und lass mich weinen, du bist ein guter Mann
aber du bist ein Steuerflüchtling und sowas ekelt mich an
Ja du bist ein Steuerflüchtling und sowas ekelt mich an.

Nachtrag 3. März: Auch die Firmenkonstruktion des geplanten Elbtower in Hamburg läuft über Luxemburg

Wer ohne Alternativen denkt, wird vorgeführt

Man sollte denken, der Stadtrat Münchens habe genug zu tun, um mit Corona und den Folgeproblemen zu kämpfen und würde sich seine Sitzungstermine für Wichtiges vorbehalten. Dennoch gab es Ende des Jahres exklusiv ein Treffen der Fraktionen mit SIGNA, worüber hier berichtet wird. SIGNA hatte sich von einem Münchner Architekturbüro unverbindliche Bilder von einem Neubau des nicht denkmalgeschützten Teils des Karstadt zwischen Bahnhof und Stachus machen lassen. Alle Fraktionen waren sofort hellauf begeistert als hätten sie sich nichts anderes wünschen können. Weiter oder selber gedacht haben sie offensichtlich nicht (einzig DIE LINKE hat etwas herumgemäkelt).

Hätte die Reaktion der Stadträtinnen nicht auch so aussehen können:

Ladensterben, Überkommerzialisierung – was die Münchner Innenstadt als letztes braucht sind zusätzliche Geschäftsflächen für das immer gleiche!
– absehbare Klimakatastrophe – die Münchner Innenstadt braucht eher Grünflächen zur Abkühlung in den kommenden Hitzesommern!
Wohnungsnot, Entvölkerung der Innenstadt – wenn schon Neubau, warum kein Wohnprojekt für die Nicht-Reichen Münchens?
„Urbane Mischung“ – wenn die ungeliebte Fassade so stört, warum dann nicht diese neu machen und danach an weniger profitorientierte Projekte vermieten, für die seit langem kein Platz mehr ist, bzw. die vertrieben wurden?

Stattdessen fallen die Stadtratsfraktionen auf das durchsichtige Spiel SIGNAs herein, sich frühzeitig eine Zustimmung abzuholen, von der die wenig kritikfähigen und fehlereinsichtigen Stadträtinnen später nicht mehr loskommen werden? Warum konnten die Stadträtinnen nicht sagen: wir haben jetzt bestimmt keine Zeit für sowas! Wir wissen nicht, wie es nach Corona weitergehen wird, wir wissen nicht, wie sich die Innenstadt verändern muss, wir stehen erst am Anfang unserer Überlegung, was wir gegen den Klimanotstand zu tun haben! Abreißen und neue Renditepaläste bauen – das haben wir jetzt lange genug gemacht.

Der bestehende Karstadt gefällt nicht. Da lässt man sich „schöne Bilder“ zeigen, ist begeistert und überlässt privaten Konzernen das Denken, was für die Stadt gut ist.

Einer Firma, die gezeigt hat, dass sie Kaufhäuser nur runterfahren kann, die nur an maximaler Rendite interessiert ist und dabei auf der Schiene weiterfährt, die wirklich lebenswerte Innenstädte kaputtmacht und in die Sackgasse führt. Von einer Firma, die gerade das historische Kleinod der Alten Akademie zerstört (mit neuen Geschäften), ohne dass das Ergebnis davon endgültig zu sehen und zu bewerten wäre. Von einer Firma, die nur ihr eigenen Interessen berücksichtigt und andere mit geschickter Insolvenz für ihre Spekulationen bezahlen lässt.

Ein typisches Beispiel für Vergesslichkeit und Mangel an eigenen (oder auch grünen) Vorstellungen:

♦ „Die Grünen ließen sich ihren Unmut deutlicher anmerken. Der Signa-Gruppe gehörten viele Immobilien im Zentrum, bei der Alten Akademie sei ihr die Stadt sehr entgegengekommen, sagte Fraktionschefin Anna Hanusch. Man müsse sich bei künftigen Planungen „sehr kritisch anschauen“, ob der Investor auch der Stadt entgegenkomme.“ (SZ, 22.Juli, „Der Ärger nach dem Kaufhof-Aus“) – und ein halbes Jahr später voll kritisch:
♥ „Grünen-Fraktionschefin Anna Hanusch ist ebenfalls von der grundsätzlichen Idee überzeugt, das Areal kleinteiliger zu nutzen. Zudem lobt sie die vorgesehene Passage „wir begrüßen auch die höhere Durchlässigkeit“.“ (tz, 18.Januar, „Neuer Kaufpalast…“)
♥ „Die Idee, mehr Durchgänge zu schaffen, um die sperrende Wirkung des bisher sehr langen Riegels aufzubrechen, sei in ihrer Fraktion gut angekommen, berichtet Anna Hanusch, Fraktionsvorsitzende von Grünen/Rosa Liste. Ebenso wie das Vorhaben, mit verschiedenen Geschäften „eine größere urbane Mischung“ herzustellen.“ (SZ, 19.Januar, „So sehen die Pläne …“)

Statt Bürgerbeteiligung über Kommunikation zur Manipulation

Bürgerbeteiligung ?

In der vorletzten Ausgabe der Standpunkte des Münchner Forums gab Stadtbaurätin Elisabeth Merk ein ebenso knappes wie unmissverständliches Statement als autoritäres Diktat an die Bevölkerung: Ich verlange Konsensbereitschaft und eine gemeinsame Zieldefinition! Da das selbst von den braven Bürger*innen Münchens nicht immer zu erwarten ist, setzen Bauoligarchen, Parteien und Bürokratie gewohnheitsmäßig auf vorgetäuschte Bürgerbeteiligung, ohne aufzuhören, von Bürgerbeteiligung zu sprechen.

Das beschreibt der Artikel „Schluss mit der Scheinbeteiligung in München!“ in derselben Ausgabe der Standpunkte. In ihm werden Wunsch und Wirklichkeit der Bürgerbeteiligung“ auf den Prüfstand gestellt. Zitat: In München werden Menschen mit unterschiedlichen Angeboten und Formaten „eingebunden“. Professionelle Akteure genauso wie Bewohnerinnen und Bewohner. Sie werden damit aber noch lange nicht beteiligt. Zumindest nicht im Sinne gängiger Definitionen zur Partizipation. (…) Zwar heißen die Veranstaltungen jetzt gerne „Bürger:innenDialog“, von tatsächlicher Teilhabe an Entscheidungen über die Zukunft der Stadt sind wir in München aber nach wie vor meilenweit entfernt. (…) Verfasste Mitbestimmungsrechte der Stadtbezirke werden von Stadtrat und -verwaltung bestenfalls zur Kenntnis genommen.“

Kommunikation …

Stadtbaurätin Elisabeth Merk nimmt jedesmal an den jährlichen Immobilienforen des Management Circle (Bildung für die Besten) teil, um exklusiv vor den versammelten Baugewinnlern zu referieren. Im Januar 2018 ging es dort um Hochhäuser. Vor diesem Publikum war nicht etwa Bürgerbeteiligung das MUSS, sondern eine Abart der Kommunikation – einseitig im Sinne von „Informationsvergabe und Sprache“, herab vom Investor an das Volk, das als dämlich aber leicht führbar dargestellt wird.

= Manipulation

Was sie meinte (der ungenannte Berichterstatter wird sie schon richtig verstanden haben) wird am Beispiel des Restaurants auf dem Wolkenkratzer erläutert: Geben Sie den Leuten ein Zuckerl, von dem sie nicht einmal was haben müssen – wir sparen uns die ganze Bürgerbeteiligung und das Projekt läuft wie geschmiert! Die Leute werden das Zuckerl fressen, sagen wir es mal so drastisch.

Und genau nach diesem Tip der Stadtbaurätin wird es seit Jahren gemacht. Bei der Alten Akademie: SIGNA bringt Wohnungen in die Innenstadt – toll, allerdings nur Wohnungen für Millionäre. SIGNA öffnet das bisher unzugängliche Gebäude – toll, wenn Sie an der Security vorbei in Luxusläden reinschauen wollen? SIGNA errichtet für München ein Café, sehr schön. Im Keller wird es Radlparkplätze geben, toll, am Ende wird wegen der fetten SUVs bloß kein Platz mehr sein….
Bei Hochhäusern (z.B. am Hauptbahnhof) ist das Café oben schon Standardzuckerl, allerdings nicht bei den geplanten Türmen des Herrn Büschl, die wären sowieso als absolute Sensation ein Geschenk für München. Im Werksviertel hat man ein paar Schafe auf dem Dach als Zeichen der Naturliebe. Beim Großprojekt am ehemaligen Sattler-Platz soll ein Hain entstehen, wer’s glaubt, wird selig und im Postbankareal Nähe Hauptbahnhof ein Wald im Innenhof. Für die Zerstörung des Eggartens wird ein Teil der Bebauung Genossenschaften zugesprochen, damit die Zerstörung dieser Frischluftschneise Euphorie auslöst und ständig werden beste Architektur und beste Grünflächen versprochen, wobei man regelmäßig mit Grausen sieht, was dann herauskommt. Sie werden weitere Beispiele kennen.

Dazu passt, dass ausgerechnet Stephan Heller, der große Meister dieser Kommunikationsform, ein Sprecher des Management Circle ist und er hat wirklich bei vielen großen Geschäften als Netzwerker, Türöffner und Berater die Hand im Spiel. Auf der Webseite von Heller und Partner ist nun die Landeshauptstadt München als Kundin gelistet. Lesen Sie da auch das umfangreiche Leistungsspektrum für Baurechtsuchende… Was kürzlich die Fraktion der ÖDP/Freie Wähler im Stadtrat zum Anlass nahm, um in einem Antrag die Offenlegung der Aufträge zu fordern, die diese Lobbyagentur von der Stadt München erhalten hat. Uns würde nicht wundern, wenn herauskommen sollte, dass Herr Heller öfters als Botschafter der Oligarchen und gleichzeitig als Auftragnehmer ins Referat für Stadtgestaltung marschiert …

Achtung Innenstädte, der Bock kommt als Gärtner!

Der Mann hinter Olaf Scholz (damals Erster Bürgermeister Hamburgs) und Ramona Pop (Wirtschaftssenatorin in Berlin): Timo Herzberg, Fachkraft für kapitalorientierte Stadtverwertung und manipulierende Begriffsverwendung

Überall im Land veröden die Innenstädte, Corona beschleunigt ihren Niedergang …

„Monostrukturelle und austauschbare Orte sind nicht zukunftsfähig“, sagt Timo Herzberg. Er leitet die Signa Real Estate Germany, eine milliardenschwere Immobilienfirma aus dem Reich des österreichischen Investors René Benko. Ihr gehören Häuser wie das KaDeWe in Berlin oder das Alsterhaus in Hamburg. Aber auch mehrere Flächen in bester Lage, wo nun „mischgenutzte Quartiere“ entstehen sollen, in denen nicht mehr nur geshoppt wird, sondern auch gewohnt, gearbeitet, gespeist, Sport getrieben und Kultur genossen. Am Ku’damm 231 in Berlin soll so ein neues Quartier entstehen, genau wie in der Alten Akademie in der Münchner Fußgängerzone, sagt Herzberg. Ganz wichtig seien auch „Rückzugsmöglichkeiten ohne Konsumdruck“. Große Dachterrassen zum Beispiel. (Artikel in Die Zeit, 12/2020, ähnlich im Handelsblatt)

Timo Herzberg sagt die Unwahrheit – und er tut das unbesorgt, weil das in seiner Position ein Leistungskriterium ist und wahrscheinlich ist er darin ja nicht mal schlecht. In Berlin und Hamburg hat er für SIGNA aus den Händen von SPD und Grünen in weiten Bereichen die Stadtplanung übernommen. Dazu gäbe es viel zu sagen, wir wollen hier seine Behauptung für München gerade rücken (als Wiederholung dessen, was in diesem Blog seit über vier Jahren dokumentiert ist).

Die Alte Akademie ist nun seit letztem Jahr bis 2023 Baustelle. Bis auf die Fassade wird fast alles entkernt und abgerissen werden. Für ca. 400 Millionen Euro (Geld ist kein Problem) wird ein historisches Ensemble zerstört. Mit ihm bestens geeignete Räume für vielfältige Nutzungen, die (für eine viel geringere Summe) das städtische Leben hätten bereichern können. Durch kulturelle und wissenschaftliche Einrichtungen (wie früher), durch Wohnungen zu sozialen Preisen, durch kleine Büros und die Art von Läden, die aus der Innenstadt reihenweise vertrieben werden …

Das wäre dann tatsächlich ein „mischgenutztes Quartier“ – offen und attraktiv für die ganze Bevölkerung und ein Beitrag zur Umorientierung der Geschäftszone Innenstadt auf den Maßstab Mensch statt Maßstab Konsument. Aber die schonungslose Kommerzialisierung schlägt auch auf ihre Verursacher zurück: damit das Geschäft weitergehen kann, sieht sich die Managementebene zum Gegensteuern veranlasst, manchmal mit Fehlererkenntnis und vielleicht auch guten Absichten.
Zitate aus dem obigen Artikel der Zeit:

Die Menschen sollen sich wohlfühlen in den Innenstädten. „Vorbilder sind nicht mehr die uniformen Shoppingtempel und Fußgängerzonen, die die Konsumenten zunehmend langweilen“, sondern wie die Städte mit ihrer Vielfalt und Nutzungsmischung früher einmal waren.“ – „Die Menschen wollen sich durch pittoreske Städte treiben lassen, sie laufen lieber durch Freiburg oder Lübeck als durch eine gesichtslose Einkaufsstraße“. –  „Wo Warenhäuser verschwinden, gibt es wieder Lücken für Fachhändler“. Die müsse man unterstützen. Man könnte auch Nutzungen in die City holen, für die bislang oft kein Platz war: Uni-Institute, Schulen, Museen, Theater.“

Nicht so SIGNA und Timo Herzberg. SIGNA  betreibt eben in Berlin und Hamburg mit Neuplanungen massiv die Zerstörung noch bestehender Viertelstrukturen durch Hochhäuser und Ummodelung von erhaltenswertem Bestand zu Profitzentren. Die laufenden Projekte in Wien, Bozen oder München sind genau nach dem Schema der Stadtzerstörung, das jetzt langsam und nicht nur wegen Corona an die Wand fährt. So wie sie es in der Alten Akademie machen: „Mischgenutztes Quartier“ auf extrem-kapitalistisch: Zweitwohnungen für Millionäre, Edelbüros für Vermögensverwaltungen, Kaufhallen für internationale Edelmarken (künftige Mieter werden nicht genannt).
Keine Kultur, keine öffentlichen Einrichtungen, keine Rückzugsräume ohne Konsumdruck, kein Platz und keine einzige Wohnung für Menschen mit wenig Geld …

Pittoreske Fassade – dahinter uniformer Shoppingtempel. Die Nutzung –  Vernutzung – der Alten Akademie durch SIGNA hat nicht den geringsten sozialen Anteil: weder in der Absicht, noch dass dieser von der Stadt München oder dem Staat Bayern eingefordert worden wäre. Die Wahrheit ist, dass die Innenstädte wie die Städte insgesamt zum Quartier für die Immobilienbesitzer und -verwerter gemacht wurden. Durch das unsoziale Bodenrecht, durch Intransparenz, durch Steuerschlupflöcher, durch das dienende Verhalten der Parteien und amtlichen Bürokratie… In diesem Sinne gibt es nicht einmal eine Mischnutzung, sondern eine einzige Nutzung zum Geldmachen für Wenige. Die große Masse der Bevölkerung wird von der Mitbestimmung über ihre Stadt ausgeschlossen und zu Konsumenten degradiert. In die Nachnutzung der ehemaligen Alten Akademie werden die meisten nur zum Schauen gehen können, was der Oberklasse so gegen ihre Langeweile geboten wird … Die Schandtat an der Alten Akademie ist diametral dem entgegengesetzt, was aus unserer Stadt werden könnte und sollte und kein Beispiel, das man anderswo erzählen kann!

Der Herr Soundso – eine Skizze von Charles Dickens

Der große Erzähler Charles Dickens bereiste 1842 die nordamerikanischen Staaten und fand dort einen Typus vor, der noch heute seine Mitmenschen blenden kann, weil die gesellschaftlichen Voraussetzungen es noch immer erlauben, auf Kosten anderer den dicken Mann zu spielen.

„Ein anderer Charakterzug ist die Lust am „smarten“ Handel, die manche Schwindelei und manch groben Treuebruch beschönigt, manchem Schurken die Macht gibt, sein Haupt höher zu tragen als ein ehrlicher Mann, obgleich er den Galgen verdient – aber diese „Smartness“ hat ihre Früchte getragen, denn sie hat in wenigen Jahren dem öffentlichen Ansehen mehr geschadet als die einfältigste, unbesonnenste Ehrlichkeit in einem Jahrhundert vermocht hätte. Mutwillige Bankrotteure und glückliche Schwindler werden nicht nach der goldenen Regel „Handle so, wie Du behandelt werden möchtest“, sondern nur nach ihrer „Smartness“ beurteilt. Ich entsinne mich, dass mir beide Male, als ich an jenem unseligen Cairo am Mississippi vorbeifuhr und von den schlimmen Folgen sprach, die solch grobe Betrügereien haben müßten, wenn sie ans Tageslicht kämen, erwidert wurde, es sei doch ein „smartes“ Unternehmen gewesen, mit dem ein gutes Stück Geld verdient worden sei: und das „Smarteste“ sei gewesen, dass man die ganze Geschichte gar bald vergessen und wieder zu spekulieren angefangen habe wie früher. Folgenden Dialog führte ich mehr als hundertmal mit Amerikanern: „Ist es nicht eine Schande dass der Soundso durch die infamsten und abscheulichsten Mittel zu einem großen Vermögen kommt und trotz all seiner Verbrechen unter euch Bürgern geduldet wird? Ist er nicht ein öffentliches Ärgernis? Wie?“ – „Ja, Sir.“ – „Ein überführter Lügner?“ – „Ja, Sir.“ – „Er hat schon Fußtritte bekommen und Stockschläge?“ – „Ja, Sir.“ – „Er ist ein ganz ehrloses, niedriges und verworfenes Subjekt?“ – „Ja, Sir.“ – Nun denn, um Gottes willen, worin besteht sein Verdienst?“ – „Ja, Sir, es ist doch ein smarter Kerl.“

Charles Dickens, Amerika, Verlag Winkler

Verkehrte Welt

Aktualisierung am 25. Januar

Bebauungsplan durchgewunken, Entscheidung verschoben

Gigantismus wieder eine Etappe weiter

Aktualisierung am 17. Dezember

Dicker Nebel in Hamburg

Bei der BILD-Zeitung stimmt die Welt wieder (im Falschen). Heute schreibt dort ein eingewechselter Redakteur spekulantenfreundlich, wie es sich für das Kapitalistenblatt gehört:
NEUER BLICK AUF KÜNFTIGES WAHRZEICHEN – Ein HOCH auf den Elbtower

Was war passiert?

Hamburger Abendblatt, 11. Dezember
Fehlplanung? Hamburgs Politik stellt den Elbtower in Frage

Zitat: „Die Bürgerschaft hat beschlossen, dass es eine Baugenehmigung für den Elbtower nur geben wird, wenn eine Vorvermietungsquote von 30 Prozent für die Büroflächen vom Bauherrn nachgewiesen wird. Die Absicht der HafenCity GmbH und der Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen (BSW), stattdessen eine Bankbürgschaft zu akzeptieren, die eine Finanzierung des Bauvorhabens nachweist, entspricht nicht dieser Beschlusslage. Es wird dazu zeitnah Gespräche mit der HafenCity GmbH und der BSW geben. Wir wollen schließlich nicht in dieser exponierten Lage einen leerstehenden Wolkenkratzer haben“, sagte Markus Schreiber, der SPD-Abgeordnete ist Mitglied im Haushaltsausschuss.

Noch ehe dieser dreiste Trick im Senat besprochen wird, zaubert SIGNA und präsentiert einen Mieter – hallo, hallo!

z.B. Hamburger Morgenpost, 16. Dezember
Hamburgs Riesenturm – Der erste Mieter will in den Elbtower

Und schon berappelt sich das bewährte Zusammenspiel von SIGNA, Immobilienspekulantenszene, Presse und SPD/Grüne-Senat ziemlich schnell und die Propagandamaschine verdrängt mit Siegerphantasien die Sorgen um das fragwürdige Projekt. Nur hinter vorgehaltener Hand bleibt Skepsis druckfähig: Hamburger Abendblatt: „Muss ein solcher Büroturm unbedingt gebaut werden?“„Hat sich Rene Benko verspekuliert?“

Eine Anfrage (mit der Antwort) von der linken Abgeordneten Heike Sudmann erhellt u.a. die Zusammenhänge um die Vorvermietungsforderung und deren eventuellen Ersatz durch Finanzzusage der beteiligten Banken: Kleine Anfrage an den Senat (Seite 4)

In CDU, FDP, Die Linke, SPD – überall gibt es Kritiker*innen, nur in einer Partei übrigens nicht: bei den Grünen. Sie haben dem geplanten Turm 2018 ihr wertloses Nachhaltigkeitssiegel mit einer großen Portion Geschwätz verliehen: „Ein neues Stadttor – hanseatisch und dynamisch zugleich“. Die verkehrte Welt bei den ehemals Grünen.

Wir sind gespannt wie es weitergeht. Der Elbtower ist ein Projekt des Größenwahns, des Profits einerseits und der Horrorwelt von Mega-Cities andererseits. Ein Projekt der Technik-Maschine, die Probleme schafft, statt Probleme zu lösen. Er wird hoffentlich nicht gebaut werden.


Die geforderte Vorvermietung von Büroflächen im Elbtower bleibt aus – egal?

Die BILD-Zeitung lügt, das ist bekannt. Was nun in der Hamburger BILD zu lesen war, wird deshalb auch nur ein Zipfel der Wahrheit sein.
Zwei Artikel hat dieses Blatt in den letzten zwei Wochen über den geplanten „Elbtower“ publiziert und wir verlinken diese hier nur, weil keine andere Zeitung darüber berichtet: 

Am 20.11.: Keiner will in 700-Mio-Projekt: Mietstillstand im Elbtower

Am 28. 11.: Eklat um Elbtower! Hamburger Senat hintergeht Parlament!

Meldungen dieses Blattes kommentieren wir nicht und warten gespannt darauf, dass Parteien (welche ?) und andere Presseorgane ihre Aufgaben wahrnehmen! Da BILD weder SIGNA noch Benko beim Namen nennt, ist übers Internet noch wenig durchgedrungen. Angesichts dessen, dass München mit ähnlichen Projekten beglückt werden soll: Bleiben Sie an der Sache dran!

… wird auch „Scholz-Tower“ genannt.

Wieder mehr lesen!

Das Ende einer Illusion

Die große Verheißung unbegrenzten Fortschritts – die Aussicht auf Unterwerfung der Natur und auf materiellen Überfluss, auf das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl und auf uneingeschränkte persönliche Freiheit – das war es, was die Hoffnung und den Glauben von Generationen seit Beginn des Industriezeitalters aufrechterhielt. Zwar hatte die menschliche Zivilisation mit der aktiven Beherrschung der Natur durch den Menschen begonnen, aber dieser Herrschaft waren bis zum Beginn des Industriezeitalters Grenzen gesetzt. Von der Ersetzung der menschlichen und tierischen Körperkraft durch mechanische und später nukleare Energie bis zur Ablösung des menschlichen Verstandes durch den Computer bestärkte uns der industrielle Fortschritt in dem Glauben, auf dem Weg zu unbegrenzter Produktion und damit auch zu unbegrenztem Konsum zu sein, durch die Technik allmächtig und durch die Wissenschaft allwissend zu werden. Wir waren im Begriff, Götter zu werden, mächtige Wesen, die eine zweite Welt erschaffen konnten, wobei uns die Natur nur die Bausteine für unsere neue Schöpfung zu liefern brauchte.

Männer und in zunehmenden Maß auch Frauen erlebten ein neues Gefühl der Freiheit. Sie waren Herren ihres eigenen Lebens; die Ketten der Feudalherrschaft waren zerbrochen, sie waren aller Fesseln ledig und konnten tun was sie wollten. So empfanden sie es wenigstens. Und obwohl dies nur für die Mittel- und Oberschicht galt, verleiteten deren Errungenschaften andere zu dem Glauben, die neue Freiheit werden schließlich allen Mitgliedern der Gesellschaft zugute kommen, wenn die Industrialisierung nur im gleichen Tempo voranschreite. Sozialismus und Kommunismus wandelten sich rasch von einer Bewegung, die eine neue Gesellschaft und einen neuen Menschen anstrebte, zu einer Kraft, die das Ideal eines bürgerlichen Lebens für alle aufrichtete: der ideale Bourgeois als Mann und Frau der Zukunft. Leben erst alle in Reichtum und Komfort, dann, so nahm man an, werde jedermann schrankenlos glücklich sein. Diese Trias von unbegrenzter Produktion, absoluter Freiheit und uneingeschränktem Glück bildete den Kern der neuen Fortschrittsreligion und eine neue irdische Stadt des Fortschritts ersetzte die „Stadt Gottes“. Ist es verwunderlich, dass dieser neue Glaube seine Anhänger mit Energie, Vitalität und Hoffnung erfüllte?

Man muss sich die Tragweite dieser großen Verheißung und die phantastischen materiellen und geistigen Leistungen des Industriezeitalters vor Augen halten, um das Trauma zu verstehen, das die beginnende Einsicht in das Ausbleiben ihrer Erfüllung heute auslöst. Denn das Industriezeitalter ist in der Tat nicht imstande gewesen, seine große Verheißung einzulösen und immer mehr Menschen werden sich folgender Tatsachen bewusst:
– dass Glück und größtmögliches Vergnügen nicht aus der uneingeschränkten Befriedigung aller Wünsche resultieren und nicht zu Wohl-Sein führen;
– dass der Traum, unabhängige Herren über unser Leben zu sein, mit unserer Erkenntnis endete, dass wir alle zu Rädern in der bürokratischen Maschine geworden sind;
– dass unsere Gedanken, Gefühle und unser Geschmack durch den Industrie- und Staatsapparat manipuliert werden, der die Massenmedien beherrscht;
– dass der wachsende wirtschaftliche Fortschritt auf die reichen Nationen beschränkt blieb und der Abstand zwischen ihnen und den armen Nationen immer größer geworden ist.;
– dass der technische Fortschritt sowohl ökologische Gefahren als auch die Gefahr eines Atomkrieges mit sich brachte, die jede für sich oder beide zusammen jeglicher Zivilisation und vielleicht sogar jedem Leben ein Ende bereiten können.

Erich Fromm, Haben oder Sein, Einführung, 1976

Fahrgeometrisch gesehen muss das weg

Das Denkmal wird der neuen Nutzung angepasst: statt des offenen Torbogens wird eine eingehauste Ladezone und Einfahrt zur Tiefgarage von kommerziellem und technischem Fortschritt künden – es lebe das Rolltor …

„Die Durchfahrt (Torbogen) an der Kapellenstraße ist auf eine Breite von 5,00 m aufzuweiten und auf eine lichte Höhe am oberen Torbogen von ca. 6,00 m zu erhöhen, um die Zufahrt fahrgeometrisch zu ermöglichen.“
(Auslobungstext)

Frau Merk vom Referat für Stadtplanung und Bauordnung und Herr Pfeil vom Landesamt für Denkmalpflege gaben ihre Zustimmung bereits 2015.

Das kam diesmal zu spät …

17. Oktober: Am Tag der Schließung ihrer Galeria-Filiale wird Benko in Düsseldorf von entlassenen Beschäftigten symbolisch vermöbelt.

Ihre Arbeitsplätze und ihre minimalen Abfindungen haben sich zusammen mit den unbezahlten Rechnungen von Vermietern und Lieferanten in ein „gutes Polster“ verwandelt. (So Galeria-Chef Müllenbach zur FAZ, 27. Okt.). Insolvenz in Eigenregie = gesetzlich geförderte Gelegenheit zu Erpressung und Wirtschaftsbetrug? Mit der Insolvenzbeute konnte Benko auch noch einige neue Spekulationsimmobilien finanzieren …

Die Kollegen und Kolleginnen haben zusammengehalten, gekämpft und gelitten. Sie hatten Solidarität und Unterstützung. Letztlich gelang es den Benko-Leuten doch, die Sorge um die Kaufhäuser und Innenstädte in einem Schmierenstück zu ihren Gunsten zu nutzen. Der Kaufhaus-Versager Benko blieb Herr des Konzerns, die Beschäftigten, deren Arbeit alles erhält, waren wieder einmal die Bittsteller, der Ausschlachter kam davon und wird genauso weitermachen. Damit das nächste Mal – es wird kommen – nicht nur die Wut bleibt, darf die Gewerkschaft verdi nicht mehr den großen Fehler machen, auf die Durchsetzungsmittel Arbeitskampf und Streik von vorneherein zu verzichten. Benko führt seine Geschäfte wie einen Krieg und das braucht die dementsprechende Antwort, dann haut es auch Benko die Luft raus: Wenn die Arbeiter*innen die Befehle verweigern, wird auch der unverschämteste Großkotz klein!