Der Zertifikate-Schwindel

In der Einleitung gehen wir die Kurve über einen nicht unwichtigen Mann – weil es auch Spaß macht…

Die Lobby-Agentur Heller und Partner, die das Büschl-Projekt an der Paketposthalle betreut, hat für diesen Job mit Michael Höhenberger einen Spitzenmann als Verstärkung ins Team geholt. Er hat einen eigenen Wikipedia-Eintrag als bayrischer Ministerialbeamter und ist jetzt im unruhigen Ruhestand. Als seinerzeitige „rechte Hand“ von Edmund Stoiber bringt er Struktur und Zielverbissenheit mit und macht nun bei allen Terminen den Mann mit dem Klemmbrett. Er versendet auch die Newsletter zum Projekt. Zuletzt mit good news von der Besuchertribüne im Bezirksausschuss:

Bezirksausschuss Neuhausen Nymphenburg setzt sich für PaketPost-Areal ein.
Die Stimmung in der Oktober Sitzung des Bezirksausschusses Neuhausen Nymphenburg war klar: Die Hochhauspläne an der Paketposthalle sind ein wichtiger Schritt für die Zukunft Münchens.
„Aus unserer Sicht erscheinen die Hochpunkte schlüssig und überzeugend“, so die Vorsitzende des Bezirksausschusses, Anna Hanusch. Sie erklärte, die Paketposthalle sei ein schlummerndes Juwel, eine große Aufgabe. „Jetzt haben wir ein spannendes und wertbringendes Angebot, mit dem die Halle endlich für alle zugänglich wird“.

(Höhenberger verknüpft gern Paketposthalle und Hochhäuser zu einem Gesamtpaket im Sinne der Büschl-Strategie. „Ohne die Hochhäuser wird es die öffentliche Nutzung und den Kultur-Hotspot der denkmalgeschützten Paketposthalle nicht geben. Auch das sind Fakten. Es sei denn, die öffentliche Hand finanziert die Sanierung selbst.“)

Der BA 9 ist tatsächlich (mit drei Gegenstimmen) vehement, dankbarst und schon fast peinlich für das Büschlprojekt. Entscheidend dafür ist die Zustimmung durch die Partei „Die Grünen“, deren Ortsverein Anfang des Jahres ein Positionspapier erarbeitet hat. In diesem Fromme-Wünsche-Katalog heißt es etwa:

„Zeichenhafte Gebäude mit Fernwirkung und die punktuelle Verdichtung von Nutzungen können an sorgfältig ausgewählten Stellen städtebaulich durchaus sinnvoll sein.“ oder „Es muss der Anspruch der Bebauungs- und Bauplanung sein, modernen Kriterien nachhaltigen Bauens zu entsprechen. Der Klima- und Artenschutz soll hier die Leitlinie sein. Wir haben keinen Planeten B. Klimaneutrale Gebäude sind energieautark und werden reziklierbar errichtet (Cradle2Cradle-Prinzip). Bei Beachtung dieser Aspekte wird der Eingriff minimiert und ein Zeichen gesetzt – ein Münchner Zeichen für Hochhausbau!“

Wer glaubts? – geht das wirklich zusammen? Vielleicht dadurch:

„Für das gesamte Projekt „Paketposthalle“ wäre eine Zertifizierung der Nachhaltigkeit wünschenswert, z.B. durch die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB). Zumindest die Zertifizierungskriterien der DGNB für innerstädtische Quartiere sollten Leitlinien für Planung und Bau bilden. Das gilt auch für die zu verwendenden Materialien.“

So ein Nachhaltigkeitszertifikat wäre doch der Hammer, da könnte dann niemand mehr was dagegen sagen oder den Grünen Prinzipienlosigkeit (Betonpartei, Bausündenschmeichler …) vorhalten. Geschenkt! Das DGNB-Wapperl ist schon vorgesehen, Büschl und seine Architekten haben damit kein Problem: die DGNB ist eine 2007 gegründete Gesellschaft der Bau- und Immobilienwirtschaft, ihre Mitglieder sind Baustoffhersteller, Bauträger, Immobilienkonzerne, Baufirmen, Architekten , Planer…

Zertifizierte Nachhaltigkeit! = ökologisch? = gut für den Planeten? = gutes Gewissen?

Leider nicht. Wer hat denn schon so ein Zertifikat von der DGNB? Das neue Büro- und Hotelhochhaus ONE der CA Immo in Frankfurt hat es. Höchste Bewertung: Platin! Das sog. Joseph-Pschorr-Haus in der Neuhauser Straße: Platin! Siemens Konzernzentrale München: Platin! Pasing Arcaden … Auch Benko setzt voll auf Zertifizierungen: Der Elbtower in Hamburg wird sie natürlich bekommen und selbst nachträglich das, was von der Alten Akademie nach ihrer Vergewaltigung noch übrig bleibt. „Green is the new Gold“. Tatsächlich hat die DGNB, gegründet 2007, schon tausende Zertifikate vergeben und alle Immobilienkonzerne nehmen sie gerne mit – der neue Standard im Greenwashing!

Jeder SIGNA-Manager muss heutzutage wissen, wie man an ein Zertifikat kommt.

Jahresbericht der DGNB Zertifizierungen 2020

Derzeitiger Präsident der DGNB ist der Münchner Architekt Prof. Amandus Samsøe Sattler. Ihm ist hoch anzurechnen, dass er den Widerspruch benennt und aushält. Sein Statement in diesem Report:

Wie würden Sie das Jahr 2020 aus Sicht des Architekten beschreiben?

Das Jahr 2020 könnte man als einen Wendepunkt für Architektinnen und Architekten und deren Einstellung zu nachhaltigen Bauweisen bezeichnen. Nach den massiven Demonstrationen von Fridays for Future in 2019 ist ein Bewusstsein in der Bevölkerung für den Klimawandel entstanden, das auch die Immobilienwirtschaft erreicht hat. Jedoch haben das neue Bewusstsein und das Interesse an diesem Thema noch nicht dazu geführt, dass die Bauherren andere Gebäude bauen ließen und Architekten anders geplant haben. (…)

An welchem Punkt der nachhaltigen Bauwende stehen wir gerade?

(…) Jedoch stehen vielen Forderungen des nachhaltigen Bauens wirtschaftliche Interessen und ein ganzes Wirtschaftssystem entgegen. Das verbreitete Denken über das Wirtschaften ist weiterhin vor allem profitorientiert und weder zirkulär noch nachhaltig. Der im System angelegte Fehler, dass Bauen zur Zerstörung der Umwelt führt, wird gerade langsam erkannt, aber noch nicht behoben. Auch der Glaube, diesen Fehler mit neuen technischen Erfindungen heilen zu können, ist naiv. Wir benötigen eine andere Logik für einen zirkulären Diskurs und Regularien, um weniger zu verbrauchen und regenerativ, mit positivem Umwelteinfluss zu handeln. Daran arbeiten wir mit Volldampf.

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Es gibt wohl Zertifikate – aber noch keine anderen Gebäude oder andere Planungen

Vielleicht kann man pointiert so sagen: Mit ihren Zertifizierungen für Bauten in der alten Logik bewirkt die DGNB, dass unökologische Monsterbauten in kleinsten Schritten etwas weniger zerstörerisch werden, wenn man davon überhaupt sprechen kann. Anerkennen muss man, dass die DGNB versucht, neuen Bauweisen (abseits der Großbauten) Starthilfe zu geben. Die wirklich nachhaltige Bauwende zu positivem Umwelteinfluss kommt aber erst durch den Bruch mit den im System angelegten Fehlern des Profits und des Glaubens an die Technik. Durchsetzen muss diesen Systembruch der Druck aus der Bevölkerung. Die Zeit ist knapp.

Der Bund Deutscher Architekten und Architektinnen (BDA) hat 2019 mit dem Positionspapier Das Haus der Erde ein riesiges Zeichen gesetzt. Der Prolog beginnt so:

Der Traum vom ewigen Wachstum ist geplatzt. Reduktion ist keine modische Attitüde, sondern Überlebensnotwendigkeit. Ökologisches Umsteuern braucht Ideen und Kreativität.

Damit zurück zum Bauplan des Oligarchen Büschl. Er ist nicht kreativ, er ist ein Relikt aus dem Traum vom ewigen Wachstum, ein gesteigerter Rückkehrertraum ins 20. Jahrhundert der Technikmaschine. Überlebensnotwendig ist die Reduktion. Konkret: Wirklich nachhaltig (wenn wir dieses mißbrauchte Wort weiter verwenden wollen) ist der konsequente Verzicht auf Entnahmen aus der Natur in Energie und Material, allein das Notwendige hat Berechtigung. Climate Justice! Weder braucht der Himmel Zeichen, noch braucht München weitere Büros oder Hotels und riesige Tiefgaragen. Wohnungen für Wohnungsbedürftige in grünem Umfeld nach neuer Logik, dann wird auch die Paketposthalle angemessen weiterleben können.

Günther Moewes (1995):
„Bei diesem Verprassen spielt das Bauen in den G7-Ländern eine zentrale Rolle. Es verbraucht von allen Branchen am meisten und am leichtfertigsten Energien, Materialien, Ressourcen und Landschaft; es erzeugt den bei weitem meisten Müll und Schutt; es nutzt am wenigsten die Möglichkeiten der Wiederverwendung … Ein großer Teil der Architekten und Ingenieure sind die Erfüllungsgehilfen bei diesem Verprassen, nicht zuletzt, weil ihre Honorare nicht mit der Einsparung steigen sondern mit dem Verbrauch. Und weil eine nach wie vor höfische Baugeschichte den chromglitzernden Bankpalast mehr feiert als den intelligenten Sparbau. Es gibt keine Form des Verprassens, keine noch so absurde Negativentwicklung, die von Architekten nicht sofort ästhetisiert würde.“

… und es gibt wahrscheinlich keine Form des Verprassens, für die nicht ein Zertifikat zu bekommen wäre.

Unsere Vorschläge für den Gabentisch:

Günther Moewes: Weder Hütten noch Paläste. Architektur und Ökologie in der Arbeitsgesellschaft

Harald Welzer: Nachruf auf mich selbst. Die Kultur des Aufhörens

Fabian Scheidler: Der Stoff aus dem wir sind


Um auf die Kriterien der DGNB-Zertifikate einzugehen, ist hier nicht Raum genug. Aber versuchen Sie einmal, sich da durchzukämpfen.

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